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Beseelt und hochdramatisch

Saisoneröffnung des Konzertvereins Beseelt und hochdramatisch

Im Erdgeschoss und ersten Stock des Hörsaalgebäudes wurde noch der Kunsthandwerkermarkt abgebaut, während oben im Audimax 550 Zuhörer auf den Beginn der Konzertverein-Saisoneröffnung warteten.

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Der Cellist Ivan Vokác musizierte im Audimax unter der Leitung von Frantisek Drs mit dem Kammerorchester des Nationaltheaters Prag.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Eigentlich sollte am Sonntag zum ersten Mal die 
Slowakische Philharmonie beim Konzertverein gastieren. Die hatte jedoch zwei Wochen zuvor aus nicht ganz durchschaubaren Gründen abgesagt, sodass beinahe auch die Saisoneröffnung auf der Kippe stand.

Zum Glück erklärte sich auf Bitten des Konzertverein-Vorstands das Kammerorchester des Nationaltheaters Prag spontan bereit, den Abend zu retten – mit dem vorgesehenen Programm und Solisten.

Sinfonieorchester mit 55 Musikern

Die Gäste aus der Goldenen Stadt kommen gerne nach Marburg, da sie dort bei ihren ersten beiden Auftritten 2010 und zu Beginn der vergangenen Saison vom Publikum mit Begeisterungsstürmen gefeiert worden waren. Am Sonntag reisten sie für ihren dritten Auftritt eigens an, um danach wieder nach Hause zurückzukehren.

Diesmal kamen die Prager jedoch nicht als 40-köpfiges Kammerorchester, sondern als Sinfonieorchester mit 55 Musikern ins Audimax. Und angesichts des kraftvoll-voluminösen Klangs hätte man mit geschlossenen Augen durchaus auf die doppelte Zahl getippt.

Doch kammermusikalisch differenziertes Musizieren war an diesem Abend auch in beglückender Vielfalt zu erleben – so gleich in Antonin Dvoráks h-Moll-Violoncellokonzert. Als ein „Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt“, soll der Komponist das Cello bezeichnet haben. Ganz ernst gemeint war das sicher nicht. Immerhin hat er für dieses Instrument das bedeutendste Konzert der Spätromantik, wenn nicht sogar der gesamten Literatur komponiert. Kein Wunder, dass alle Cellisten Dvorák anbeten.

Feinsinniger, von innen heraus glühender Cello-Ton

Nach 13 Jahren Pause war es endlich wieder an der Zeit, das wundervolle Werk beim Konzertverein aufs Programm zu setzen. Nicht nur technisch souverän, sondern auch mit beseeltem Ton spielte der 28 Jahre alte Ivan Vokác den Solopart – ein Gentleman auf dem Violoncello, wie sein Lehrer, der Brite Steven Isserlis, bei dem Vokác einen Meisterkurs der Kronberg Academy absolviert hat.

Dass Vokács feinsinniger, von innen heraus glühender Cello-Ton nie vom spätromantisch groß besetzten Orchester übertönt wurde, ist Dvoráks meisterhafter Instrumentierungskunst und Klangregie zu verdanken, aber auch den Musikern des Nationaltheaters Prag und ihrem Dirigenten Frantisek Drs, nicht zuletzt dank ihrer reichen Opernerfahrung. Für den langanhaltenden Beifall bedankte sich 
Vokác mit Bach.

Noch länger als Dvoráks Cellokonzert war Peter Tschaikowskys vierte Sinfonie nicht beim Konzertverein zu hören: 1997 stand sie zum letzten Mal auf dem Programm. Frantisek Drs, der das Kammerorchester des Nationaltheaters Prag bereits bei seinem ersten Marburger Gastspiel vor fünf Jahren dirigiert hatte, betonte in den Ecksätzen den hochdramatischen Charakter dieser „Schicksalssinfonie“.

Inseln melancholischer Glückseligkeit

Und wer etwa den krachenden Beginn des Finales, gegen den der Weckruf von Haydns „Paukenschlag“-Sinfonie nur ein laues Lüftchen ist, als zu laut und hart empfunden hat, dem sei gesagt: Tschaikowsky hat das so gewollt.

Aber es gibt ja in dieser Sinfonie auch Inseln melancholischer Glückseligkeit. So das von einer kompositorisch tief empfundenen und ebenso musizierten Oboen-Melodie getragene „Andantino in modo di canzona“ und das genial instrumentierte 
 Scherzo mit seinem pizzicato 
gespielten Streicherchor, der den von Holz- und Blechbläsern getragenen folkloristischen Trio-Mittelteil umgibt.

Nach dem applaustreibenden Schluss ruhten die 550 Zuhörer nicht, bis sich die Gäste aus Prag mit einem feurig musizierten Slawischen Tanz von Dvorák verabschiedeten.

von Michael Arndt

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