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Bemüht um eine andere Sicht

Anja Röhl über Erinnerungen an Ulrike Meinhof Bemüht um eine andere Sicht

An die hundert neugierige Besucher fanden den Weg in den Wintergarten des Technologie- und 
Tagungszentrums. Zu Gast war Anja Röhl, die Stieftochter von Ulrike Meinhof.

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Anja Röhl stellte ihre Erinnerungen an die RAF-Mitgründerin 
Ulrike Meinhof vor.

Quelle: Wolfgang Dietz

Marburg. Anja Röhl, 1955 geboren, ist die Tochter der Journalistin Bruni Röhl und des „Konkret“-Gründers Klaus Rainer Röhl. Der Titel ihres Buches „Die Frau meines Vaters“ bezieht sich aber nicht auf ihre leibliche Mutter, sondern auf Ulrike Meinhof, die ihr Vater 1961 in zweiter Ehe heiratete.

Die wenigsten Besucher ahnten vermutlich, welch heraus­forderndem Vortrag mit anschließendem Podiumsgespräch sie beiwohnen würden, der emotionale Grenzbereiche berührte.

Ulrike Meinhof bildet den roten Faden der Lesung. Exponiert, stets im Spannungsfeld und – zuweilen – Leuchtfigur. Der starke und doch auch tragisch am Leben gescheiterte Mensch auf der einen – Staatsfeindin, Mitbegründerin und Aktivistin eines radikalisierten RAF-Kernes Anfang der 70er Jahre auf der anderen Seite. „Die Tote nicht vergessen“ ist eines der Leitmotive des Buches.

Spot wandert durch die Alltagsszenen

Der Beginn der Aufzeichnung überrascht. Chronologisch und ganz ohne Pathos entblättert Anja Röhl die beklemmenden Kindheitswahrnehmungen. Heranwachsen. Sehnsucht nach Papa, nach Zuwendung. Zeitweise schickt man das Kind in eine Heim-Anstalt.

Es ist repressive, düstere Wirklichkeit für hunderttausende Waisen und Heranwachsende in einer noch fragilen, ideologisch weder im Inneren noch im Äußeren ausbalancierten BRD der 1960er Jahre. So nah, so wahr wirken die Berichte, stilistisch betont durch den pointiert-personalen und dadurch Abstand schaffenden Erzählstil.

Minutiös wandert der Spot durch die Alltagsszenen. Erste Begegnung mit Ulrike Meinhof, der „neuen Freundin“. Der Weggefährtin, die auch zuhört, die ermutigt und Antworten hat. „Was die für Sachen sagt“, denkt das Kind. Und es folgt das schonungslose Ausleuchten des Menschen Ulrike aus sehr nahem Blickwinkel.

Selbst den Abschied Ulrike Meinhofs, ihren finalen Bruch mit Familie und bürgerlicher Welt kommentiert Anja Röhl nicht. Vielmehr betrachtet sie. Schildert tiefe Hilflosigkeit und gründliche Konsternierung als junge Frau, die von der Festnahme erfährt. Ihre Angst, Ulrike Meinhof werde womöglich auf der Flucht erschossen. Ihre Besuche im Gefängnis, stets observiert, und schließlich ihr Zusammenbruch, als sie von deren Tod erfährt.

Viele junge Zuhörer im TTZ

Es ist ein bedrückendes Buch – in jeder Zeile jedoch bemüht um klare Sicht. Eine sehr besondere, persönliche Familientopographie, die die reine Mediensicht auf Ulrike Meinhof niemals zuließe. Schwärzungen im Text des Buches erinnern an die juristisch verminte und erkaltete Beziehung zu den Töchtern Ulrike Meinhofs. Es sind redaktionell ganz bewusst im Text belassene Zeichen der zerrissenen Familie.

Anja Röhl ist eine Zeitzeugin, ihr Buch ein Zeitdokument auch für viele junge Zuhörer, die anwesend waren. Menschlich wie intellektuell ist sie durch Ulrike Meinhof geprägt, die übergroße Protagonistin. Die Frau, die in den mörderischen Kampf zog gegen den Staat.

Doch wirkt es allemal so, als könne Anja Röhl in Frieden berichten. Nicht kommentierend, nicht anklagend. Trotz der emotionalen Wucht an den entscheidenden Wendemarken der Vita. Stärke? „Ja, stark, das war sie!

Und dies ist zugleich auch die Hoffnung. Stärke, die sich weiter tragen lässt, ungefärbt“, sagt Anja Röhl. Nicht Doktrin, nicht Forderung. Aber Haltung. „Wir können Entscheidungen treffen“, sagt sie zum Schluss, „zum einen oder auch zum anderen hin.“

Anja Röhl ist Mutter dreier Kinder. Sie ist examinierte Krankenschwester, Dozentin und Theaterrezensentin. Sie studierte Germanistik, Psychologie, Sozialpädagogik sowie Kunst und lebt in Berlin.

  • Anja Röhl: „Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike“, Edition Nautilus, 160 Seiten, 18 Euro.

von Wolfgang Dietz

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