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Beklemmend und irritierend

Theater Gegenstand in der Waggonhalle Beklemmend und irritierend

Am Donnerstag startete das 12. Marburger Kurzdramenfestival. Mit „Der Stör“ und „Mich mir merken“ feierten zwei eindrucksvolle Stücke Premiere in der gut besuchten Waggonhalle.

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Das Stück „Der Stör“ beschreibt, wie es sich anfühlt, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein. Es ist beim Kurzdramenfestival in der Waggonhalle zu sehen.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Erstmals wurden in diesem Jahr nur zwei von 60 Kurzdramen ausgewählt und präsentiert, auf ein drittes konnte sich die Jury nicht endgültig einigen. Das dritte Stück wird nur heute Abend als Tanzperformance gezeigt.

Am Donnerstagabend wurde zuerst „Mich mir merken“ von Ruth Johanna Benrath gespielt, ein beklemmendes Stück über Demenz. Der Marburger Regisseur Willi Schmidt hat den Text in poetisch-melancholische Bilder gegossen und eine Inszenierung geschaffen, die niemanden kalt lässt.

Es geht um eine Mutter, die im Altersheim lebt und regelmäßig Besuch von ihrer Tochter bekommt. In den Gesprächen der beiden wird deutlich, dass das Gedächtnis der Mutter immer mehr nachlässt. „Mein Kopf ist wie Watte“, sagt die Mutter.

Inszenierung mit viel Feingefühl

„Ich helfe dir“, antwortet die Tochter und versucht, anhand von Fotos, alte Erinnerungen lebendig werden zu lassen. Aber die Erinnerung kehrt nicht zurück, im Gegenteil, die Mutter wird immer verwirrter. Schließlich erkennt sie ihre eigenen Kinder nicht mehr und weiß nicht, dass ihr Mann schon längst gestorben ist.

Willi Schmidt hat das Stück mit viel Feingefühl inszeniert und der poetischen Sprache viel Raum gelassen. Die Darstellerinnen sind mit Herzblut dabei und spielen gekonnt und ausdrucksstark. Das Bühnenbild mit einem angedeuteten Strand und echtem Wasser und Sand unterstreicht die poetische Atmosphäre und bietet zahlreiche Spielmöglichkeiten.

Einen ganz anderen Charakter hat das zweite Siegerstück mit dem Titel „Der Stör“ von Noemi Egloff. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in einem verschlafenen Dorf in der Schweiz lebt. Eines Tages taucht ein riesiges, grausames Gemälde an der Wand der Dorfkirche auf, und schnell wird klar: Das ist das Werk der jungen Frau, die damit ein Dorfgeheimnis öffentlich machen will.

Sofort wird sie zur Außenseiterin, zum Störfaktor, zum Hassobjekt. Sie wird als Psychopathin abgestempelt und glaubt bald selbst, dass sie verrückt ist. „Ich bin ein Stör“, sagt sie und träumt immer wieder davon, aus der Enge des Dorfes auszubrechen.

Keine durchgehende Handlung

Regisseur Frank Heller hat in packenden Szenenfolgen deutlich gemacht, was es bedeutet, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein. In der Inszenierung gelingt es ihm, die unterschwellig gewalttätige und bedrohliche Atmosphäre im Dorf spürbar zu machen. Er bedient sich dabei der verschiedensten Darstellungselemente, Tanz ist ebenso dabei wie Pantomime und das gesprochene Wort.

Es gibt keine durchgehende Handlung, sondern nur irritierende, teils chaotische Szenen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Aber auch witzige Elemente sind dabei, wie etwa die Szene, als die biedere Metzgersfrau immer wieder schreit: „Wo bleibt das Schnitzel?“

Getragen wird das Ganze vom intensiven Spiel der jungen Darstellerinnen und Darsteller, die mit vollem Einsatz dabei sind. Hinzu kommen die bedrohliche elektronische Musik und das dunkle, reduzierte Bühnenbild. Bei den Zuschauern kamen die beiden Kurzdramen sehr gut an. Es gab viel Applaus für die Darsteller und die Inszenierungen.

Zwei weitere Aufführungen der beiden Stücke gibt es dieses Wochenende, jeweils um 20 Uhr (31. Oktober und 1. November). Die Performance zu dem dritten Stück mit dem Titel „Totgeboren“ beginnt diesen Samstag um 22 Uhr.

von Bettina Preussner

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