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Begeisternd: Bruckners „Keckste“

Sinfonieorchester Wuppertal gastierte in Marburg Begeisternd: Bruckners „Keckste“

Erstmals seit langem sind mehr als 600 Musikfreunde der Einladung des Marburger Konzertvereins ins Audimax gefolgt. Der Grund: Es gastierte ein Orchester, das in der „Bundesliga“ musiziert.

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Dirigent To­shiyuki Kamioka hatte sichtlich Spaß am Konzert in Marburg. Er verlässt sein Wuppertaler Orchester im nächsten Jahr mit dem Wissen, es zu Höchstleistungen gebracht zu haben.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Am Ende feierte am Samstag nicht nur das Publikum im Audimax die Musiker. Auch Dirigent und Orchester überschütteten sich gegenseitig mit Beifall. Das Sinfonieorchester Wuppertal mag seinen Chef also nach wie vor, obwohl To­shiyuki Kamioka nach zehnjähriger Tätigkeit gekündigt hat - im „gegenseitigen Einvernehmen“ mit der Stadtführung, die ihm einen zweimonatigen Sonderurlaub pro Jahr für eine Orchesterleitung in seiner Heimat Japan nicht genehmigt hatte. Allerdings hat Kamioka sich auch beim Wuppertaler Opernpublikum unbeliebt gemacht, weil er als Intendant, dem städtischen Spardiktat gehorchend, dem kompletten Ensemble gekündigt und auf Stagione-Betrieb mit Gastsängern umgestellt hatte.

Was dem Publikum in Erinnerung bleiben wird, wenn Kamioka 2016 aufhört: Der 54-Jährige hat das Sinfonieorchester Wuppertal zu einem A-Orchester geformt, das auch im Ausland gefeiert wird. Beim Konzertverein begeisterte es mit einer rundum stimmigen Wiedergabe von Anton Bruckners A-Dur-Sinfonie. Die 1881 fertiggestellte Sechste steht nach wie vor im Schatten der Vierten, der „Romantischen“, und der letzten drei Sinfonien. Eigentlich erstaunlich, da sie von allen Sinfonien des österreichischen Spätromantikers die einprägsamste Thematik bei gleichzeitigem Fehler jeglicher polyphoner Komplikationen und katastrophischer Dramatik bietet. Bruckner hat sie sogar als seine „keckste“ Sinfonie bezeichnet.

Sonor-tragfähiger Geigen-Gesang

Den kraftvoll-hellen und überhaupt nicht mystischen Charakter betonte auch Kamioka. Seine auf schlanke Tongebung und mediterrane Leuchtkraft setzende Auslegung der Partitur erinnerte in ihrer von Anfang bis Ende fesselnder Stringenz an die singulären Bruckner-Deutungen des 1912 in Wuppertal geborenen und vor zwölf Jahren gestorbenen Günter Wand. Die gut 60 Instrumentalisten folgten der präzise-unaufdringlichen Zeichengebung Kamiokas, die sich am dynamischen Prozess orientierte, mit bedingungsloser Hingabe. Überwältigend der im Piano seidenweiche, im Forte opulent-runde Klang der Streicher, die sich aufgrund ihrer mit mehr als 40 Musikern ausreichend großen Besetzung, ohne zu forcieren, mühelos gegenüber den strahlenden Blechbläsern behaupten konnten. Wunderbar auch der warme Klang des Horn-Quartetts und das kultivierte und sprechende Spiel der Holzbläser.

Zuvor hatte das Sinfonieorchester Wuppertal die Geigerin Liza Fertschman bei der Marburger Erstaufführung des 1935 komponierten zweiten Violinkonzertes von Sergej Prokofjew begleitet. Sie faszinierte in den ersten beiden Sätzen mit schwelgerischem, noch im Pianissimo sonor-tragfähigem Gesangston, der sich ideal mit dem meist kammermusikalisch eingesetzten Orchester verwob. Im turbulent-tänzerischen Finalrondo mit seiner durch den Einsatz von Triangel, Trommeln und Kastagnetten spanisches Kolorit verbreitenden Orchestrierung zog Fertschman mühelos alle Register virtuoser Geigenkunst - und wurde so von den mehr als 600 Zuhörern ebenfalls mit lang anhaltendem Beifall und Bravo-Rufen gefeiert. Dafür bedankte sie sich mit einer bewegenden Wiedergabe der Sarabande aus Johann Sebastian Bachs d-Moll-Partita.

Vor sieben Jahren hat der ungarische Geiger Kristof Barati beim Konzertverein alle Sonaten und Partiten des Thomaskantors während eines „Bach-Marathons“ aufgeführt. Am Wochenende widmet er sich gemeinsam mit Klara Würtz allen zehn Klavier-Violinsonaten Ludwig van Beethovens. Der erste Teil dieses „Marathons“ beginnt am Samstag um 17 Uhr im Audimax und endet um 22 Uhr (inklusive einer zweistündigen Pause). Der zweite Teil folgt am Sonntag von 17 bis 18.30 Uhr.

von Michael Arndt

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