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Beflügelt von einem Meistercellisten

Studenten-Sinfonieorchester Beflügelt von einem Meistercellisten

Nicht nur der Solist Norbert Anger, auch Gastdirigent Sergej Bolkhovets ließen am Dienstagabend im Audimax vor etwa 700 Zuhörern die Musiker des Studenten-Sinfonie-Orchesters Marburg (SSO) über sich hinauswachsen.

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Sergej Bolkhovets leitete als Gastdirigent das Studenten-Sinfonie-Orchester Marburg beim Semesterabschlusskonzert im Audimax.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Im zehnten Jahr als Chefdirigent stand Ulrich Manfred Metzger erstmals nicht am Pult des SSO - aus Zeitgründen. Denn er studiert derzeit mit dem neu gegründeten Hessischen Konzert- und Festspielchor das Verdi-Requiem für die Bad Hersfelder Festspiele ein.

Ihn vertrat beim Semesterabschlusskonzert Sergej Bolkhovets, der mit dem SSO vor fünf Jahren beim Neujahrskonzert als Solist Mozarts A-Dur-Violinkonzert gespielt hatte. Der gebürtige St. Petersburger, der in Stockholm aufwuchs und dort als Konzertmeister der Königlichen Oper wirkt, ist ein ganz anderer Typ Dirigent als Metzger. Spiegelt sich bei diesem der Emotionsgehalt der Musik auch in seiner Gestik wider, so wirkt Bolkhovets auch dann noch als ruhender Pol, wenn die Orchesterwogen hochgehen wie in den dramatischen Zuspitzungen der ansonsten von statischer Ruhe geprägten sinfonischen Dichtung „Die Toteninsel“, zu der sich der geniale russische Spätromantiker Sergej Rachmaninow von Arnold Böcklins gleichnamigen Gemälde inspirieren ließ.

Norbert Anger gastierte als Cello-Solist. Foto: Andreas Kermann

Bereits in diesem vorwiegend in dunklen Farben gemalten Tongemälde wuchs das SSO über sich hinaus. Mehr noch aber im a-Moll-Violoncellokonzert von Robert Schumann, was auch an der Inspiration durch den Solisten Norbert Anger lag. Der Stimmführer der Staatskapelle Dresden und Solocellist des Bayreuther Festspielorchesters gehört auch als Solist zu den herausragenden Interpreten seines Faches, wie er den etwa 700 Zuhörern im Audimax mit atemberaubender Intensität vor Ohren führte.

Ganz nach innen gekehrt ließ er sein Violoncello mit samtig-sonorem Ton singen. Und diese bis ins kleinste Detail ausgefeilte kammermusikalische Diskretion setzte sich fort im Dialog mit den Musikern des SSO. Eine Schumann-Sternstunde, wie sie Musikfreunde nicht alle Tage erleben.

Sympathisch war auch Angers Geste, den ihm zugedachten Blumenstrauß an die Solocellistin des SSO Valeria Hänsel zu überreichen, die ihm im wundervollen Mittelsatz die ideale Duett-Partnerin war. Für den nicht enden wollenden Applaus bedankte sich Anger mit einer Bach-Sarabande.

Dirigent tritt als Captain Jack Sparrows auf

Nach der Pause musizierten die fast 80 Musiker des SSO nicht mehr in der üblichen „amerikanischen“ Aufstellung, sondern in der „deutschen“, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war und heute noch von Weltklasse-Orchestern wie den Bamberger Symphonikern bevorzugt wird. Das heißt, die an diesem Abend sechs (!) Kontrabässe stehen links hinter den Ersten Violinen, denen die Zweiten Geigen gegenübersitzen, dazwischen die Violoncelli und Bratschen.

Das gibt dem Gesamtklang ein voluminöseres Fundament - ideal also für die Wiedergabe eines romantischen Meisterwerks wie der fünften Sinfonie von Peter Tschaikowsky. Diese stand übrigens auch Anfang 2007 auf dem Programm bei Metzgers SSO-Einstand.

Bolkhovets orientierte sich mit durchweg zügigen Tempi an den nach wie vor Maßstäbe setzenden Tschaikowsky-Interpretationen des legendären Leningrader-Philharmoniker-Chefdirigenten Jewgenij Mrawinskij. Gewissermaßen mit dem Feinzeichner ließ Bolkhovets das auch solistisch glänzende SSO (Holzbläser und Hörner!) das musikalische Selbstporträt einer hypersensiblen Künstlerseele zeichnen.

Dem Affen Zucker geben - auch dazu zeigte sich Bolkhovets bereit und trat in der traditionellen Filmmusik-Zugabe als Captain Jack Sparrows („Fluch der Karibik“) auf. Das SSO wiederholt sein Konzert morgen ab 17 Uhr im Audimax - Ende gegen 19.30 Uhr. Es besteht also noch genügend Zeit bis zum Anpfiff des Europameisterschafts-Viertelfinales Deutschland gegen Italien.

von Michael Arndt

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