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Typisch, doch immer wieder grandios

"Badesalz" in Marburg Typisch, doch immer wieder grandios

„Badesalz“ sind in der Stadt. Zuvor gab es keine Plakate, keine Werbung. Und doch ist ihre Vorstellung ausverkauft. So etwas funktioniert nur mit einem absoluten Publikumsmagneten.

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Sind sich auch nach mehr als 30 Jahren immer noch selbst genug für eine 100-Minuten-Show: Gerd Knebel (links) und Henni Nachtsheim bilden das Duo Badesalz.

Quelle: Tonia S. Pöppler

Marburg. Das ist es, was Badesalz ausmacht: zwei unermüdliche Comedians und Musiker, mehr als 30 Jahre Bühnenerfahrung, ihr absoluter Kultstatus und eine riesige Fangemeinde. Henni Nachtsheim und Gerd Knebel spielten am Samstagabend zum zweiten Mal mit ihrem aktuellen Programm „Dö Chefs“ im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus.

Die Geschichte der aktuellen Tour ist genauso einfach wie schräg – eben typisch Badesalz: zwei Kneipenbesitzer, die ihre Etablissements vor der Abrissbirne schützen müssen. Leichter gesagt als getan, denn wo keine Gäste, da keine Einnahmen. Als kleiner Trost gilt: Paul (Gerd Knebel) und Henry (Henni Nachtsheim) sitzen beide im gleichen Boot.

Wie also mehr Gäste gewinnen? Eine nutzerfreundliche Tischdeko? Erlebnisgastronomie (wie „Maggi und Magie“) oder gar Zirkusprogramme („Cirque du Kakerlak“)? Eine internationale Speisekarte (aus einer Rindswurst mit Senf wird eine „rote Gourmetsichel an goldgelber Edelmarinade“)? Eine rentnerfreundliche Atmosphäre?

Denn was soll die ganze Arbeit, wenn sich ein Ehepaar, das seit 30 Jahren verheiratet ist, nicht in der Kneipe wohlfühlt? So authentisch wie nur irgend möglich, mimen die beiden gekonnt das alte Ehepaar – wenig liebevoll, lautstark und eben typisch Badesalz. Dabei wissen sie scheinbar zu gut, wovon sie reden.

Wortwitz seit den 80er-Jahren

Stehen sie doch selbst seit Anfang der 80er-Jahre zusammen auf der Bühne, liefern sich hitzig-witzige, wortgewandte Wortgefechte und landen dabei nicht selten deutlich unter der Gürtellinie. Manchmal etwas plump, aber immer zotig. Und auch das Marburger Publikum wusste am Samstagabend, was es zu erwarten hat: absolute Profis, wortaktiv und hessisch-herb

Zwar selten neu, aber stets altbewährt.
„Dö Chefs!“ ist mittlerweile eines der erfolgreichsten Badesalz-Programme. Die Kult-Spaßmacher, die die in Not geratenen Gastronomen mimen, müssen in ihrer Show so manch intensive Auseinandersetzung meistern. Giften sich an, beschimpfen sich, kabbeln sich wie ein altes Ehepaar. Eben typisch Badesalz. Immerhin kann man sich auf eine Zusammenarbeit einigen und sogar auf einen Namen: „Dö Chefs“.

"Handcheese" für Scarlett Johansson

Und immer wieder schlägt ihr grandioser, typischer Nonsens zu. So soll ein 3-D-Drucker asiatische Fleischeslust stillen, sie diskutieren über die Zukunft von Tätowierungen, Hessisch sprechende Dinosaurier, sie sinnieren über Handkäs-Sushi und Grüne Soße mit Stäbchen. Einer dieser Höhepunkte war die Oscar-Rede mit Bembel in der Hand, die Henry in unsauberem hessischen Englisch nach der erfolgreichen Verfilmung seines  – nennen wir es mal so – Romans hält und in der er Scarlett Johansson vom Handkäs („Handcheese“) vorschwärmt, aber gleichermaßen Bruce Willis vor der durchschlagenden Wirkung des Äpplers („Thinpfiff“) warnt.

Und nachdem sich das Marburger Publikum einem denkwürdigen Spanischkurs unterziehen musste, der es nur ein klein bisschen überforderte, beschlossen Paul und Henry auszuwandern und eine Kneipe in Spanien zu eröffnen – als hessische Kulturbotschafter, denn auch „Sangria schmeckt nur bueno durch Äppelwoi“.

Happy End als „Dos Cheffos“ in Spanien

Als „Dos Cheffos“ raunzten sie zum Ende, ausgestattet mit Saxophon und Gitarre, einen Ohrwurm, der noch lange nachhallt: „Antonio Banderas könnt ihr vergessen. Was ist schon Julio Iglesias gegen zwei gut gebaute Hessen!“ So wird für Paul und Henry alias Gerd Knebel und Henni Nachtsheim am Ende alles gut. Was sie mit zwei weiteren musikalischen Einlagen beweisen und „Because
I‘m Happy“ und „Get lucky“ zum Besten geben – in eigenwilligen Versionen mit noch eigenwilligeren Tanzeinlagen.

100 Minuten Spaß, Spiel und Spannung. Es wurde gelacht, geschimpft, geliebt – eben typisch Badesalz. Mit zahlreichen, gekonnten Angriffen aufs Zwerchfell krümmte sich das Publikum vor Lachen, musste sich die Bäuche halten. Doch fast noch mehr Freude hat es gemacht, den beiden Herren zuzuschauen, wie sie nach so vielen Jahren immer noch harmonieren. Ein Team, wie ein altes funktionierendes Ehepaar. Eben typisch Badesalz. Grandios.

von Tonia S. Pöppler

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