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Bach als Melopoem

Ein Wagnis Bach als Melopoem

Bachs „Die Kunst der Fuge“ wurde am Samstag bei den Schlosskonzerten in Form eines Melopoems präsentiert - ein Wagnis, das nicht jedem gefiel.

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Ungewöhnliche Herangehensweise: Das Ensemble „NeoBarock“ und Robert Schneider präsentierten Bach als musikalisch-textuales Melopoem.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Als Robert Schneider nach der Pause erneut aus seinen Texten vorlas, hielt es einen Besucher nicht länger auf seinem Stuhl. Nachdem er sich mehrfach laut Luft gemacht hatte, verließ er echauffiert den Fürstensaal. Die Vorsitzende der Marburger Musikfreunde Claudia Nehrig versuchte ihn im Foyer zu beruhigen. Doch für den Puristen waren die Unterbrechungen durch Robert Schneider zu störend, auch wenn er sich das Konzert bis zum Ende anhörte.

„Wir wissen, dass wir mit dem Programm polarisieren. Aber irgendwie ist das auch ein Ritterschlag“, erzählte Violinist Volker Möller nach dem Konzert im Gespräch. Es bedeute auch, wahrgenommen zu werden und nicht in der großen Masse derer zu verschwinden, die sich nichts trauten. „Die Kunst der Fuge“ pur ohne ein Rahmenprogramm aufzuführen, das sei für das Ensemble „NeoBarock“ von Anfang an undenkbar gewesen, sagte Möller. Die Texte von Robert Schneider, die humorvoll die Bach-Rezeption betrachten, passten für Möller wunderbar zum Programm - auch der Komponist selbst zeige schließlich immer wieder Humor in seinen Werken, betonte der Violinst.

So zeigte Robert Schneider in seinen eigens für das Programm geschriebenen Texten einen selbstreflexiven Bach, der aus dem Jenseits 100 Jahre Bach-Verbot fordert, damit seine Musik wieder neu erlebt werden könne. Dabei wechselten die Texte immer wieder zwischen Prosa-Elementen, Lyrik oder dem imaginären Dialog mit Bachs Schwiegersohn Altnikol, dem er rät „Tu, das was dir leicht fällt“ - wobei in dieser Wort-Musik-Collage Volker Möller mit einem Fragment in der Geige einsetzte. Es war ein stimmiges Programm, das den berühmten Bach-Zyklus aus 14 Fugen und vier Kanons viel bewusster erleben ließ. Das Ensemble verstärkte dies durch das Arrange­ment für Streicher. So waren die einzelnen Themen und Entwicklungen der Fugen wunderbar deutlich herauszuhören.

„NeoBarock“, das zu den innovativsten Ensembles für Alte Musik zählt und bereits vor einem Jahr im fast ausverkauften Fürstensaal begeisterte, faszinierte erneut mit einem feinen Zusammenspiel auf hohem Niveau. Technisch versiert erzeugten die vier Musiker einen tollen Klang, der sich im Fürstensaal verteilte. Mit der Akustik hatte dagegen Robert Schneider zu kämpfen. Der Autor, der 1992 mit seinem Debütroman „Schlafes Bruder“ internationalen Erfolg feierte, las ruhig und mit warmer Stimme vor. Doch durch den Hall im großen Fürstensaal hatte das Publikum immer wieder Probleme, ihn genau zu verstehen. Insbesondere in Abschnitten, in denen die Worte schnell aus ihm heraussprudelten, fiel es schwer, ihm zu folgen. Die Herangehensweise des Ensembles „NeoBarock“ und Robert Schneiders, Bach als musikalisch-textuales Melopoem aufzuführen, mag ungewöhnlich erscheinen. Doch das Ziel, den Zyklus aufzulockern und zugänglicher für ein breites Konzertpublikum zu machen, hat es sicherlich erreicht.

von Mareike Bader

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