Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Autor tastet sich durch hessische Provinz

OP-Buchtipp: Andreas Maier: „Der Ort“ Autor tastet sich durch hessische Provinz

Vom Nudelsalat im Partykeller bis zur Beschaffenheit der Unterhose des pubertierenden Ich-Erzählers: Der Schriftsteller Andreas Maier setzt sein Romanprojekt über die hessische Provinz fort.

Voriger Artikel
Kurz vorgestellt
Nächster Artikel
Rasselbande, Zeitreisende und Gefahrologen

Andreas Maier blickt auf die hessische Provinz. „Der Ort“ ist Band vier eines auf elf Bände angelegten Projekts.

Quelle: Arne Dedert

Begonnen hat es mit dem „Zimmer“, dann kamen das „Haus“ und die „Straße“: Im neuen Buch des auf elf Bände angelegten Romanprojekts über seine Wetterauer Heimat öffnet der Autor Andreas Maier nun den Blick auf den „Ort“. Der Ich-Erzähler ist in den 1980er Jahren inzwischen in der Pubertät angekommen, treibt sich in Kneipen und im Jugendzentrum herum und grenzt sich vom konservativ-bürgerlichen Elternhaus ab.

Also ein klassischer Entwicklungsroman à la Goethes Werther? Tatsächlich hat auch der junge Romanheld aus Hessen bereits eine Kapelle nahe der Heimatstadt Friedberg ausgesucht, wo er sich am 18. Geburtstag umbringen will. Und natürlich hat er seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden.

Doch die literarischen Anspielungen – davon gibt es viele – entspringen der Maierschen Ironie. Eigentlich hat seine Hauptfigur nicht so viel zu klagen. Bei den Mädchen läuft es gut, er kriegt sogar eine der im Ort Begehrtesten ab.

Wie Maier die spezielle An- und Hackordnung im Partykeller schildert, das ist so eindringlich und fast beklemmend beschrieben, dass jedem Leser sofort Erlebnisse aus der Jugend einfallen. Andreas Maier seziert solche Gefühlszustände lakonisch und oft unbarmherzig wie im Mikroskop. Zugleich behält er die vielen kleinen Details stets im Blick – vom Nudelsalat bei der Party bis zur damals gängigen Waschmittelsorte.

Zehn Seiten über die Unterhose

Die Bilder gewinnen dadurch erst ihre atmosphärische Dichte: Der Autor zeigt, wie die Zeitläufe die Provinz unmerklich verändern. Von der Landschaft, die von Ortsumgehungen verschandelt wird, bis zu den Veränderungen im Stadtbild oder beim Umgang der Jugendlichen und Familien miteinander. Sogar ein alltägliches Kleidungsstück kann dazu dienen. Maier reflektiert über Beschaffenheit und Ursprung seiner Unterhose rund zehn Seiten – bizarr, aber ein literarisches Glanzstück.

Nur etwa 150 Seiten lang ist Maiers „Ort“ geworden. Aber er hat ja noch einiges vor. Der fünfte Band seiner Erkundung der Wetterau soll „Der Kreis“ heißen, hat er jüngst verraten. Ob das Projekt vom Genre her nun einer großangelegten Familiensaga oder einem Gesellschaftsroman aus der Provinz entspricht, ist letztlich egal.

Auch Maier schert nicht sich um derartige Etiketten. Etwa eineinhalb Jahre hat der heute 47-Jährige für jeden weiteren Band veranschlagt. Geografisch wird die literarische Landvermessung für den heimatverbundenen Autor schwieriger. Er ist aus privaten Gründen von Frankfurt nach Hamburg umgezogen.

  • Andreas Maier: „Der Ort“, Suhrkamp-Verlag, 154 Seiten, 17,95 Euro.

von Thomas Maier

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr