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Autor erzählt vom Alltag in einer Diktatur

Abbas Khider las in der Waggonhalle Autor erzählt vom Alltag in einer Diktatur

Abbas Khider ist ein sehr positiver, fröhlicher Mensch, dem der Schalk im Nacken sitzt. Dabei hat der deutsch-irakische Schriftsteller Folter und Gefängnis überlebt.

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Innenansichten einer Diktatur: Abbas Khider las aus seinem Buch „Brief in die Auberginenrepublik“.Foto: Bettina Preussner

Marburg. Abbas Khider steckt voller Geschichten: Er plaudert, erzählt, gestikuliert, lacht. Die Lesung am Mittwochabend in der Waggonhalle war eine kurzweilige Veranstaltung, bei der der Autor die Zuschauer mit seinem Charme regelrecht um den Finger wickelte. Dabei ging es im Kern um sehr ernste Dinge: Um die Zeit der Diktaturen in den arabischen Ländern, vor allem die Zeit, als der Irak unter der Herrschaft Saddam Husseins zu leiden hatte.

Abbas Khider las aus seinem Roman „Brief in die Auberginenrepublik“. Erzählt wird die Reise eines Briefes, der im Oktober 1999 über geheime Kanäle vom libyschen Bengasi ins irakische Bagdad gelangt.

Salim, ein junger muslimischer Iraker, schickt ihn an seine Geliebte, eine kurdische Christin. Der Roman erzählt die Geschichten der Menschen, die den Brief unterwegs in die Hände bekommen.

Khider entfaltet in seinem Buch einen schillernden Bilderbogen aus der Alltagswelt der Menschen dieser Zeit: Da will einer nur raus aus Libyen, weil er Fußball liebt, das in der Diktatur Gaddafis verboten war. Da unterhalten sich ein Iraker und ein Jordanier im Taxi: „Die Herrscher hocken auf unserem Land wie auf einem Klo. Wir bekommen alles ab, was von oben herunter kommt.“ Und da leidet das irakische Volk unter dem Embargo der UN. Es gibt nichts zu essen, nur Auberginen in Hülle und Fülle. Zu Hause wird das Gemüse liebevoll zubereitet: Als Suppe, als Steak, als Chips, daher der Name im Titel des Buches „Auberginenrepublik“.

Es ist faszinierend, wie der Schriftsteller es geschafft hat, ein ziemlich humorvolles Buch über ein ernstes Thema zu schreiben. Er lässt den Alltag vor allem der einfachen Leute in einer Diktatur lebendig werden. Manchmal allerdings bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Abbas Khider selbst hat einen steinigen Lebensweg hinter sich. 1996 floh er aus dem Irak, wo er im Gefängnis gefoltert wurde. Er lebte vier Jahre als illegaler Flüchtling, bis er nach Deutschland kam. Hier studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft und schrieb seine Bücher auf Deutsch.

Im Anschluss an die Lesung konnten die rund 30 Zuhörer Fragen stellen. Einer wollte wissen, ob Khider jemals wieder im Irak war. „Ja, ich bin jedes Jahr dort“, erzählte er. „Man muss aufpassen. Familie und Freunde sind immer dabei, bewaffnet.“ Im heutigen Irak herrsche Chaos, fuhr Khider fort. „Die Iraker kennen das Wort Normalität nicht.“

„Brief in die Auberginenrepublik“ ist Khiders dritter Roman. Auf der Frankfurter Buchmesse 2013 bekam Khider den Preis der kleinen, unabhängigen Verlage.

von Bettina Preussner

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