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Autor erklärt seine „Schreibwerkstatt“

Stephan Thome Autor erklärt seine „Schreibwerkstatt“

Großer Andrang im Historischen Rathaus Marburg. Stephan Thome, ein Shootingstar der deutschen Literaturszene, stellte seinen neuen Roman „Gegenspiel“ vor.

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Geduldig signierte der Autor Stephan Thome nach der Lesung Bücher.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Viele Literaturinteressierte hatten sich trotz Schmuddelwetters auf den Weg gemacht, um einen der interessantesten jungen Schriftsteller Deutschlands kennenzulernen, der noch dazu ganz in der Nähe, in Biedenkopf, aufgewachsen ist. Sie wurden nicht enttäuscht: Stephan Thome entpuppte sich, trotz einer starken Erkältung, als ausgesprochen charmanter und am Publikum interessierter Autor. Er gab bereitwillig Auskunft über seine Motive, über seine Herangehensweise beim Schreiben. Kurzum: über seine Schreibwerkstatt.

Der 1972 geborene Autor stellte auf Einladung der Buchhandlung Elwert-Lehmanns sein neues Buch „Gegenspiel“ vor, das in vielen deutschen Feuilletons besprochen wurde – die OP stellte den Roman vor einer Woche auf ihrer Bücherseite vor.

Thomes Thema sind Beziehungen – gescheiterte, scheiternde, auf jeden Fall fragile Beziehungen. Dies gilt schon für sein großartiges Debüt „Grenzgang“ (2009), das Thome in seiner Heimatstadt Biedenkopf ansiedelte und mit dem er auf Anhieb den Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Ein neuer Stern war quasi über Nacht in der vitalen deutschen Literaturszene aufgegangen.

Gleiche Geschichte – aus anderer Sicht

Doch was kommt nach so einem rauschenden Debüt? Nicht wenige Schriftsteller scheitern an den Erwartungen, die sie geweckt haben. Thome nicht: 2012 gelang ihm mit „Fliehkräfte“ wieder der Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. In „Fliehkräfte“ analysiert er mit messerscharfen Blick und elegantem Ton die Ehe des Professors Hartmut Hainbach mit Maria, seiner portugiesischen Frau. Erzählt wird sie aus Sicht des Mannes. Es ist ein bisweilen wehmütiger Blick auf ein – wie es scheint – Auslaufmodell des bürgerlichen Zeitalters.

Zwei Jahre später erscheint „Gegenspiel“ – es ist die gleiche Geschichte, die gleiche Ehe, es sind die selben Protagonisten. Nur erzählt diesmal Maria aus ihrem Leben, von ihren Träumen, von ihrem Aufbruch Mitte der 1970er Jahre nach der Nelkenrevolution, von ihrer Ehe. Über etwa drei Jahrzehnte spannt Thome den erzählerischen Bogen – von den 1970er Jahren bis 2007. In „Gegenspiel“ geht er sogar so weit, Dialoge aus „Fliehkräfte“ direkt zu übernehmen – nur werden diese Dialoge jetzt von Maria interpretiert. Ein spannendes Experiment, das deutlich macht, wie schnell Missverständnisse entstehen.

Aufwendige Recherche: 18 Monate in Lissabon

Wie es komme, wurde er gefragt, dass er sich so gut in die Psyche von Frauen versetzen könne? „Ich bin mit zwei Schwestern und einer Mutter aufgewachsen“, schmunzelte Thome und ergänzte: „Ich glaube nicht, dass das der Grund ist, aber ich bin bereit, das zu sahen.“

Seine Romane sind aufwendig recherchiert. Für „Gegenspiel“ etwa lebte er eineinhalb Jahre in Lissabon, um ein Gespür für die Stadt zu entwickeln, in der seine Protagonistin aufgewachsen ist. Er liebt die Stadt bis heute.
Der Plan zu dem Doppelroman sei ihm beim Schreiben von „Fliehkräfte“ gekommen, sagte er. Ursprünglich habe er ihn als Reiseroman konzipiert, aber seine Figuren entwickelten ein Eigenleben. Schon während er an dem Roman gearbeitet habe, habe er oft die Perspektiven gewechselt und sich gefragt: „Kann Hartmut das überhaupt wissen?“

Unterdessen hat er bereits mit den Vorarbeiten für seinen vierten Roman begonnen – er hielt sich im Winter zwei Monate auf Taiwan auf. Thome: „Wenn es so wird, wie ich mir das vor­stelle, spielt der nächste Roman in Ostasien. Und er wird richtig gut.“ Doch noch muss er ab­warten, was seine Charaktere wollen.

von Uwe Badouin

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Ein Paar in einer verspäteten Midlife-Crisis. In seinem Buch „Fliehkräfte“ gab Stephan Thome vor zwei Jahren dem Mann das Wort. Nun ist die Frau an der Reihe.

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