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Zittern wird zum Stilelement

Ausstellung in der Kunstapotheke Zittern wird zum Stilelement

Drei junge Iraner, die erst seit Kurzem in Marburg sind und vielleicht bald wieder in ihr Land zurückmüssen, stellen gemeinsam in der Kunstapotheke, der Galerie am Richtsberg, Fotografien und Zeichnungen aus.

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Goodi (von links), Anahita Parhami und Alireza Hatami stehen vor einigen ihrer Werke, die sie gemeinsam in der Kunstapotheke ausstellen.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Eigentlich sollte eine Ausstellungseröffnung ein freudiges Ereignis sein. Anahita 
Parhami versuchte zwar tapfer zu lächeln, während sie Besuchern ihre Zeichnungen erläuterte, aber immer wieder tupfte sie sich Tränen von den Augen. Just an diesem Tag hatte sie den Ablehnungsbescheid ihres Asylantrags erhalten. „Rohani wurde als Präsident wiedergewählt, also gibt es keine Probleme im Iran“, sagte Parhami ironisch zur Begründung der Ablehnung.

Seit Februar ist sie in Deutschland, in dieser Zeit sind ihre mit Tusche und Graphit gezeichneten Bilder entstanden. Deutlich drücken sie ihre Stimmung und Erlebnisse aus. 21 Mini-Zeichnungen zeigen Menschen mit traurigen Gesichtern, die jeweils einen Nummernzettel auf der Brust tragen. „Wir sind nicht nur Nummern!“, steht auf einem Zettel am Eingang zu dem kleinen Seitenraum, in dem die Zeichnungen an Wäscheleinen hängen. Mit den Bildern verarbeitete sie die Erfahrung, dass sie und andere Asylsuchende in den Aufnahmeeinrichtungen und Behörden nie mit Namen, sondern nur mit Nummern bezeichnet wurden.

2000 Fotos von einzigartigen Plätzen

Viele Gesichter und Körper der von ihr in den größeren Zeichnungen dargestellten Menschen sind von kleinen Strichen und Kreisen, die an Holzmaserungen erinnern, ausgefüllt. „Die kleinen Linien sind entstanden, als meine Hände in einer Panikattacke zitterten“, erläuterte Parhami, die 2008 einen Bachelor-Abschluss in Grafikdesign an der Universität in Teheran machte. Eine Zeichnung veranschaulicht die Stellung der Frau im Iran: Ein weiblicher Körper kniet, um Arme und Brust gefesselt. Seitlich davon kniet ein Mann, aber sein Körper endet an der Hüfte. „Er soll lieber wegbleiben“, kommentierte Parhami.

Während die Expression bei Parhami im Vordergrund steht, ist es beim Pressefotograf Ali
reza Hatami aus Teheran die Impression. Er hat Eindrücke von Marburg und Umgebung mit seiner Nikon festgehalten. 2000 Fotos hat er in den vergangenen zwei Monaten aufgenommen, „an einzigartigen, ruhigen Plätzen“, wie er sagt. 20 davon sind ausgedruckt, weitere auf einem Laptop zu sehen. Ein Paar auf einer Bank an der Lahn, Gänseblümchen, Bodennebel über Feldern, Überland-Stromleitungen oder ein altes, verrostetes Schloss an einem Eisentor sind beispielsweise Dinge, die ihm aufgefallen sind. Ganz bewusst lässt er seine Bilder unbearbeitet, nicht einmal die Ränder sind beschnitten, betont Hatami. Sein Asylantrag ist noch in Bearbeitung.

Die Kunst als Schrei

Der dritte Künstler, Goodi alias Hossein Goodarzi, stammt ebenfalls aus Teheran. Der Diplom-Elektrotechniker muss keine Abschiebung mehr fürchten und spricht recht gut Deutsch. Er fotografiert mit dem Handy, denn, so sagt er: „Das hat man immer dabei und man kann immer damit aufnehmen.“ 80 Prozent der Fotos entstünden aus einer plötzlichen Idee, aber manchmal, etwa wie für eine Aufnahme der Elisabethkirche, habe er auch eine Stunde lang nach dem richtigen Blickwinkel gesucht. Goodi 
bearbeitet alle Fotos mit mehreren Programmen, um den Betrachter deutlich auf etwas hinzuweisen.

Auch trägt jedes einen Titel, der mit dem Foto zusammen zu lesen sei. „Der Betrachter soll in Beziehung zu meinem Foto treten und sich fragen, was es sagen will“, wünscht er sich. Alle drei Künstler betonten, dass man mit Kunst viel ausdrücken könne, ohne die Sprache eines Landes zu beherrschen. Darüber hinaus sagt Anahita 
Parhami: „Wenn du nicht sprechen darfst, ist Kunst ein Schrei!“

  • Die Ausstellung in der Kunstapotheke, Friedrich-Ebert-Straße 25, ist bis zum 8. Juli dienstags bis donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Termine können unter der Telefonnummer 06421/44122 vereinbart werden. Die Werke von Goodi und Parhami sind auch auf Instagram zu sehen, unter marburg_stadt beziehungsweise anahita_parhami11.

von Manfred Schubert

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