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Alkoholismus und Existenzangst

Ausstellung „Marburger Alltagsleben“ Alkoholismus und Existenzangst

Das 19. Jahrhundert verbindet man mit Romantik. Doch das Leben der meisten Menschen im Marburg dieser Zeit war alles andere – nur nicht romantisch. Elend, Hunger und Massenauswanderung waren an der Tagesordnung.

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Professor Siegfried Becker (links), Doktorand Andrey Trofimov und Professorin Marita Metz-Becker halten die dritte Auflage vom „Marburger Alltagsleben“ in der Hand.

Quelle: Viet Duc Le

Marburg. Eine Ausstellung im zweiten Stock des Instituts für europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft geht dem Marburger Alltagsleben im sogenannten „langen 19. Jahrhundert“ nach. Studierende haben sich in dem Ausstellungs-Projekt von Professor Siegfried Becker und Professorin Marita Metz-Becker mit den Lebensbedingungen der Marburger im Zeitraum ab der französischen Revolution (1789) bis zum Beginn des ersten Weltkriegs (1914) beschäftigt. Professorin Metz-Becker wollte vor allem die für viele unbekannte Seite der Romantik zeigen.

Die Ausstellung wurde bereits im Frühjahr im Marburger Haus der Romantik gezeigt und wird aufgrund des großen Interesses nun zu einer Dauerausstellung im kulturwissenschaftlichen Institut. Auf 20 Schautafeln zeigen die Projektbeteiligten nicht nur den Alltag der privilegierten Studenten und Professoren, sondern auch die wesentlich härteren Lebensbedingungen der Handwerker, Dienstmädchen und jüdischen Familien. „Alltag ist alles“, erklärt Becker.

Obwohl sich das Projekt mit dem Alltagsleben aller Marburger beschäftigt, betonen die Initiatoren: „Seit 1800 hing in Marburg alles von der Universität ab.“ Am Anfang des 19. Jahrhunderts wohnten in Marburg 6000 Einwohner, von denen 103 Studenten waren.

Unbeschwertes Leben war die Ausnahme

Ein Jahrhundert später kamen auf 20.000 Einwohner schon 1209 Studierende. „Ohne die Universität wäre Marburg ein kleines Ackerstädtchen gewesen. Studenten mussten Miete, Essen und Kleidung bezahlen, dadurch sicherten sie vielen Marburgern den Lebensunterhalt“, erklärt Becker. „Ich halte mir ein Schwein und einen Studenten“, pflegten die Marburger zu sagen. Doch die Studenten fielen auch unangenehm auf – durch Unruhestiftung und Saufgelage.

So ein unbeschwertes Leben war im Marburg dieser Jahre jedoch eine Ausnahme. In Kurhessen ging es oft ums blanke Überleben, besonders Marburg war von tiefer Armut geprägt. Ganze Familien und Dörfer sind ausgewandert, allein in Marburg gab es drei Büros für Auswanderung. Außerdem war Alkoholismus weit verbreitet. Auch diese Seite der Epoche wurde von den Projektbeteiligten herausgearbeitet, sodass Ausstellungsbesucher die romantisierten Vorstellungen vom Leben im 19. Jahrhundert schnell verlieren. Die Ausstellung zeigt: Die romantische Vorstellung des 19. Jahrhunderts ist ein Trugbild.

Bei „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ handelt es sich um ein Lehrforschungsprojekt des Instituts für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft unter der Leitung von den Professoren Marita Metz-Becker und Siegfried Becker. Insgesamt haben 13 Studenten mitgewirkt. Neben Schautafeln wurden verschiedene Materialien, Exponate, Abbildungen, Dokumente und schriftliche Zeugnisse zu mehreren Themenschwerpunkten gezeigt.

Andrey Trofimov (39), Doktorand und DAAD-Preisträger 2015, war neben der Recherche auch für das Layout und die Produktion der Begleitbroschüre verantwortlich.

von Sophia Stahl 
und Viet Duc Le

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