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Ausflug ins Herz des Waldes

Grimm-Jahr Ausflug ins Herz des Waldes

„Expedition Grimm“ lautet der Titel der Hessischen Landesausstellung in der Documenta-Halle Kassel, die am 27. April eröffnet wird. Im Zentrum stehen „200 Jahre Kinder- und Hausmärchen“ und der 150. Todestag von Jacob Grimm. Expedition Grimm, das ist auch das Motto für diese Entdeckungsreise auf den Spuren der Grimms, die an märchenhafte Orte führt

Kassel. Dornröschenschloss Sababurg: Es war einmal ein Schloss im von Legenden reichen Reinhardswald, von wildem Wein und Efeu umrankt, von zwei Türmchen geziert. Eine Stunde von der Autobahn entfernt ist die Zeit eingeschlafen. Dieser verwunschene Ort namens Sababurg gilt seit 1894 als Dornröschenschloss. Selbst eine Dornenhecke hat es hier im 16. Jahrhundert tatsächlich gegeben. Heute ist der 679 Jahre alte Bau ein Hotel. Die Burgherrenfamilie Koseck hat über beinahe 100 Jahre ein Dornröschenarchiv zusammengetragen, Forscher aus der ganzen Welt reisen an, um in Erstausgaben, Ansichtskarten oder Puppen zu stöbern.

Ob die Brüder Grimm tatsächlich dieses Schloss im Sinn hatten, als sie ihre Hausmärchen aufschrieben, ist nicht belegt. Doch bei der Fahrt durch diese Landschaft mit ihren dichten Wäldern und den Fachwerkhäusern wird die Natur zum Sinnbild geheimnisvoller Empfindungen, die in den Märchen ihren Ausdruck fanden.

Märchenwald: Verzauberte Raben entführen in den nächtlichen Märchenwald. Selbst in ihrer Menschengestalt haben sie ihre tierische Kopfhaltung und Artikulation bewahrt. Sie erzählen von Drachen und Unken, die Äste rascheln unheimlich dazu. Die Berliner Theatergruppe Anu lockt im Rahmen des Festprogramms „Grimm2013“ in Hessen und Hameln zu nächtlichen Wanderungen ins Zauberreich.

Es ist unendlich dunkel im Herzen des Waldes, die Laternen werfen unheimliche Schatten. Am Wegesrand leuchtet plötzlich ein Transparent mit einem Scherenschnitt auf: Ein Junge blickt in einen Teich, sein Spiegelbild trägt eine Krone – das Wasser offenbart die Möglichkeiten des Schicksals. „Wir wollen an die naturreligiösen Vorstellungen erinnern, die am Ursprung der Grimmschen Geschichten standen und in den Hintergrund gerieten“, sagt Stefan Behr, künstlerischer Leiter von Anu. Die Idee einer beseelten Natur mit magischen Kräften thematisierte Jacob Grimm auch in seiner „Deutschen Mythologie“. Von „geheiligten Bäumen“ schreibt er dort, die zum Opferhain auserkoren wurden. Nach diesem Trip durch den Schattenforst würde es nicht verwundern, wenn aus einem der dicken Eichenstämme plötzlich der Geist des Waldes sprechen würde.

Knallhütte Baunatal: Den größtmöglichen Kontrast zum archaisch-magisch anmutenden Ambiente des Märchenwaldes bietet die Knallhütte Baunatal. Nur wenige Meter von der A49 entfernt, vertreibt das Rauschen der Autos jeden Gedanken an Schneewittchen und Co. Und doch soll sich dort einer der Orte verstecken, die der Reiseführer zur „Expedition Grimm“ als Höhepunkt empfiehlt. Hinter den wuchtigen Braukesseln des Hütt-Bieres („Einfach Märchenhaft“) findet sich tatsächlich ein historisches Gasthaus. 1755 wurde dort Dorothea Viehmann geboren, die im Brauhaus ihres Vaters den Geschichten der reisenden Kaufleute lauschte. Die Märchenfrau wurde zu einer der wichtigsten Quellen der Grimms. Heute erinnert eine Statue an die Hütte, die ihren Namen vom Knallen der Peitschen hat, mit dem die Fuhrleute sich einst ankündigten.

Documenta-Halle Kassel: Nur wenige Schritte von der Documenta-Halle entfernt, Zur schönen Aussicht 9, haben die gelehrten Brüder vor 200 Jahren gelebt und gearbeitet. Dabei nahmen sie oft auf einem schlichten hölzernen Lehnstuhl mit hellblauem Bezug Platz, wie Illustrationen ihres Malerbruders Ludwig Emil belegen. Eben jener Stuhl aus dem Privatbesitz der Grimm-Erben wird in der Landesausstellung erstmals öffentlich ausgestellt.

Handschriften des „Deutschen Wörterbuchs“ belegen, wie unterschiedlich die Brüder arbeiteten: Wilhelm krakelte Anmerkungen an den Rand, während Jacob eine ausgeglichene Handschrift pflegte. Eine unscheinbare Fußnote beim Stichwort „Frucht“ teilt mit: „Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen.“

Die Expedition Grimm setzt sich an fantasievollen Mitmachstationen zu den acht Hauptwerken der Gelehrtenbrüder fort. In einer Art Peepshow kann der Besucher durch Schlitze in der Wand brutale oder anzügliche Zitate erspähen, die aus späteren Märchenadaptionen getilgt wurden. Auf kreative Weise verdichten die Ausstellungsmacher das Werk der Brüder, die Stationen lassen die Essenz ihres Wörterkosmos erahnen. Diese Expedition Grimm ist alles andere als museal.

Mehr im Internet: www.dornroeschenschloss.de, www.grimm2013.de, www.knallhuette.de, Landesausstellung bis 8. September: www.expedition-grimm.de

von Nina May

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