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Ausdruckskraft geht unter die Haut

Duo-Abend beim Konzertverein Ausdruckskraft geht unter die Haut

Die 430 Zuhörer im Audimax feierten das sympathische Duo Jakob Spahn und Nicholas Rimmer mit langanhaltendem Beifall und Bravo-Rufen. Die Musiker bedankten sich mit gleich drei Zugaben.

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Jakob Spahn (Violoncello) und Nicholas Rimmer (Klavier) musizierten im Audimax.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Der Cellist Jakob Spahn war vor zwei Jahren bei den Eckelshausener Musiktagen für den erkrankten Festival­leiter Julius Berger eingesprungen und hatte gemeinsam mit der Pianistin Margarita Höhenrieder ein mitreißendes Beethoven-Programm geboten. Anlass für den Konzertverein-Vorstand, ihn zu verpflichten.

Eine glückliche Fügung wollte es, dass zu Spahns bevorzugten Kammermusikpartnern der Pianist Nicholas Rimmer zählt, der vor einem knappen Jahr im Audimax mit der Weltklasse-Geigerin Tianwa Yang das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte.

Das wiederholte sich am Sonntag bereits vor der Pause nach Spahns und Rimmers Wiedergabe der zweiten Cellosonate von Bohuslav Martinu. Der tschechische Komponist hat sie 1942 im amerikanischen Exil komponiert.

Und so bestimmt auch die Musik der Neuen Welt die Rhythmen der temperamentvollen Ecksätze, während der Klagegesang des Largo-Mittelsatzes vielleicht auch Martinus Trauer über den Verlust der von den Nazis besetzten Heimat widerspiegelt. Spahn und Rimmer widmeten sich diesem Kontrastreichtum mit zupackender Energie und eindringlicher Erzählkunst.

Zu Beginn erklang dasselbe Werk wie vor zwei Jahren im Biedenkopfer Rathaussaal: Ludwig van Beethovens Variationen über das Duett Pamina-Papageno „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts „Zauberflöte“. Spahn und Rimmer nahmen dieses „Leichtgewicht“ nicht als Einspiel-Fingerübung, sondern genauso ernst wie die folgenden „Schwergewichte“ aus Moderne und Romantik.

Danach sah das gedruckte Programm eigentlich die Martinu-Sonate vor. Doch Spahn und Rimmer schoben ein Frühwerk des russischen Komponisten Nikolai Roslavetz ein, dessen erste Cellosonate von 1921 den zweiten Programmteil eröffnete. Im „Tanz der weißen Jungfrauen“ von 1912 huldigt Roslavetz noch seinen französischen Vorbildern Claude Debussy und Maurice Ravel: ein durch und durch impressionistisches Werk im getragenen Tempo.

Warum sich Spahn und Rimmer für den von den Sowjets verfemten Komponisten Roslavetz stark machen, das erläuterte der Pianist den Zuhörern in einem knapp gehaltenen, außerordentlich informativen Vortrag.
Sie sehen in ihm einen der originellsten Tondichter des 20. Jahrhunderts, der für die Neue Musik in Russland eine ähnliche Bedeutung hat wie Arnold Schönberg mit seiner Zwölftontechnik im Westen.

Musiker ziehen die Spendierhose an

Wie Rimmer erläuterte, basiert Roslavetzs Komponieren auf der Verwendung sogenannter Synthetischer Akkorde. Sie bestehen aus sechs oder mehr Tönen, im Fall der einsätzigen ersten Cellosonate sind es sechs, aus denen alle melodischen und harmonischen Beziehungen der Komposition abgeleitet werden. Das hört sich zwar nach Kopfgeburt an, aber Rimmer wies die Zuhörer darauf hin, das Roslavetz dies mit unter die Haut gehender Ausdruckskraft in Klang umsetze.

Und genau diesen Eindruck vermittelte auch die Wiedergabe durch Spahn und Rimmer. Sie versetzte das Publikum genauso in Begeisterung wie zuvor die Martinu-Sonate und danach die dramatisch fesselnd gestaltete F-Dur-Sonate von ­Johannes Brahms.

Weil nun der Beifall der 430 Zuhörer kein Ende nehmen wollte, zogen Spahn und Rimmer die Spendierhose an, „sangen“ Sergej Rachmaninows „Vokalise“, „tanzten“ den fulminanten „Feuertanz“ aus Manuel de Fallas „Liebeszauber“ und schließlich den „Schwan“ aus Camille Saint-Saëns‘ „Karneval der Tiere“.

von Michael Arndt

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