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Aus der Hölle in den Himmel

Eckelshausener Musiktage Aus der Hölle in den Himmel

Das Gastspiel der Eckelshausener Musiktage am Donnerstag im Fürstensaal war eine physische wie psychische Herausforderung nicht nur für die Künstler, sondern auch fürs Publikum.

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Hanna Weinmeister (von links), Robert Pickup, Oliver Kern, Julius Berger und Burghart Klaußner bei ihrem Auftritt im Fürstensaal des Marburger Landgrafenschlosses.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Der literarisch-musikalische Abend stellte zwei Meisterwerke einander gegenüber, die ihre Inspiration aus dem Grauen des von Deutschland verursachten Zweiten Weltkriegs beziehen. In seinem 1975 veröffentlichten „Roman eines Schicksallosen“ erzählt der Ende März gestorbene ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész vom Alltag in den Konzentrationslagern.

Der französische Komponist und gläubige Katholik Olivier Messiaen hingegen verleiht in seinem „Quartett auf das Ende der Zeit“, das er im Winter 1940/41 in einem schlesischen Kriegsgefangenenlager komponiert und uraufgeführt hat, dem Vertrauen auf die kommende Herrlichkeit Gottes Ausdruck.

Wie der 66-jährige Burghart Klaußner (unter anderem „Der Vorleser“, „Das weiße Band“ und Titelrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“) dem 15-jährigen György seine Stimme lieh – das ließ keinen der 120 Zuhörer im Fürstensaal kalt. Denn Kertész schildert mit Klaußners modulationsreicher Sprachkunst das unbeschreibliche Grauen frei von Empörung und Entsetzen, beinahe nach Art eines Abenteuerromans, dessen Held sich wie Josef K. in Franz Kafkas „Der Prozess“ ebenfalls auf verstörende Weise seinem Schicksal fügt.

Eine geniale Dramaturgie

Aus der Hölle von Auschwitz gelangt György über Buchenwald nach Zeitz und wird völlig entkräftet von dort nach Buchenwald zurücktransportiert, wo es ihm wohl insgesamt am besten ergangen ist. Den Tod vor Augen fährt es aus ihm heraus: „Ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“

Nahtlos schloss sich im Fürstensaal der erste Satz des Messiaen-Quartetts an, in dem „die Stille der Himmelharmonien“ erklingt – eine geniale Dramaturgie, die Klaußner und die bereits während der 45-minütigen Lesung auf dem Podium sitzenden Musiker da geschaffen haben.

In den insgesamt acht Sätzen hat jeder seinen großen Auftritt: Robert Pickup ließ in „Abgrund der Vögel“ (Nr. 3) die Klarinette jubilieren, Julius Berger sein Cello mit glühendem Klang das majestätische „Lob auf die Ewigkeit Jesu“ (Nr. 5) singen. Hanna Weinmeister stimmte mit unendlich zartem, mühelos bis in höchste Höhen aufsteigendem Geigenton das „Lob auf die Unsterblichkeit Jesu“ an, mit dem das 50-minütige Quartett verklingt. Alle drei wurden ideal begleitet von Oliver Kern, der am Flügel für kraftvolle Akkorde sorgte, aber auch zarte Kaskaden (Nr. 2) perlen ließ.

von Michael Arndt

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