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Aufregende Reise in die Dunkelheit

Uraufführung am Landestheater: „Sturz ins Ohr“ Aufregende Reise in die Dunkelheit

Beim „Theater in der Finsternis“ wird dem Zuschauer sprichwörtlich schwarz vor Augen. Am Samstag feierte das Hessische Landestheater Premiere mit der Uraufführung „Sturz ins Ohr“.

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Die Premiere ist geschafft: Die Darsteller Oda Zuschneid (hinten von links), Alexander Peiler, Julia Glasewald und David Sempf sowie die Regisseure und Autoren des Stücks Stefan Scheib (vorne von links) und Katharina Bihler haben die Finsternis mit Leben gefüllt.

Quelle: Jouka Röhm

Marburg. Seit Intendant Matthias Faltz vor nun fünf Jahren in Marburg begonnen hat, setzt das Hessische Landestheater auch auf reine Hörstücke. „Sturz ins Ohr – Übungsstunde in Lichtdeprivation“ von den Autoren und Regisseuren Katharina Bihler und Stefan Scheib ist schon die fünfte Produktion, die im Theater in der Finsternis angeboten wird.

Die etwa 40 Zuschauer – mehr fasst der kleine Raum im Historischen Schwanhof nicht – sitzen auf lehnenlosen Hockern im Zentrum des fensterlosen, komplett schwarz ausgekleideten Bühnenraums. Die Anweisungen der Intendanz-Referentin Sarah Holtkamp kurz vor Beginn der Uraufführung sind unmissverständlich: Uhren und Handys, alles was Licht abgeben kann, sollen die nächsten 60 Minuten gut abgedeckt werden.

60 Minuten komplette Finsternis

Nichts soll die Dunkelheit stören. Wer sich während des Stücks unwohl fühlt, soll dies laut sagen, damit er nach draußen geführt werden kann.Ein Handzeichen nützt freilich nichts. Dann schließt die Tür, das dämmerige Licht wird gelöscht und die Zuschauer, darunter das Regie-Duo Bihler und Scheib, umgibt für eine Stunde komplette Finsternis.

Das ist das Konzept der Reihe: Das Publikum soll sich ganz dem Hörsinn hingeben, er steht im Zentrum dieser Aufführungsform. Die vier Schauspieler des Hessischen Landestheaters Julia Glasewald, Alexander Peiler, David Sempf und Oda Zuschneid bewegen sich allerdings in der Finsternis an den Wänden entlang um die Zuschauer herum. Geleitet werden sie von einer hüfthohen Schnur, die den Zuschauerraum umgibt, sowie von Bodenrillen, wie sie in der Blindenstadt Marburg jeder kennt.

Als Nord, Süd, Ost und West geben sich die Darsteller zunächst zu erkennen und bilden so einen ständig sich bewegenden Kompass für das zeitweise blinde Publikum in einem Stück, das an die verschiedensten Ecken der Welt entführt. In Gärten, in den Dschungel und in die Arktis. Und selbstverständlich in das Innenleben des Ohrs.

Höraufgaben für die „Zuschauer“

Aber auch Zeitreisen sind Bestandteil des Stücks. Denn beides, Raum und Zeit, sind Koordinaten, die in der Finsternis plötzlich zu unscharfen Größen werden. Beim „Sturz ins Ohr“ geht es um den Wechsel von Lärm und Stille, präsentiert mit einer großen Bandbreite von Höreindrucken von Geräuschen bis zur Musik.

Die Schauspieler zeigen dabei eine enorme Vielfalt, sie erzählen Geschichten, produzieren Sounds, singen. Und sie laden das Publikum zu einigen Höraufgaben ein – schließlich handelt es sich bei dem Stück ja um eine „Übungsstunde bei Lichtdeprivation“.

Das Ticken eines Weckers zeigt es schließlich an: 60 kurzweilige Minuten sind um, das Stück ist zu Ende und die Raumbeleuchtung fährt langsam wieder hoch. Die Zuhörer blinzeln, schauen sich um und erkunden interessiert den Raum, den die vier Schauspieler kurz zuvor so behände als Bühne genutzt haben. Der „Sturz ins Ohr“ – so viel ist den meisten anzusehen – war eine aufregende und angenehme Reise.

  • Weitere Vorstellungen finden am 22. und 28. April sowie am 10. und 22. Mai um jeweils 20 Uhr im Historischen Schwanhof statt.
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