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Aufgehender Stern am Geigenhimmel

Konzertverein beendet Spielzeit Aufgehender Stern am Geigenhimmel

Tschaikowskys einziger Beitrag zur Gattung ist eines der meistgespielten Violinkonzerte. Umso erstaunlicher, dass der Marburger Konzertverein es zuletzt vor 38 Jahren im Programm hatte.

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Andreas Sebastian Weiser dirigierte am Sonntag die Philharmonie Königgrätz im Marburger Audimax.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Der Konzertvereins-Vorsitzende Dr. Friedemann Nassauer liebt besonders die hohe Violinkunst. Das Publikum profitiert davon, indem er nicht nur bereits arrivierte Künstler wie im Februar Kristóf Baráti mit einem Beethoven-Marathon nach Marburg verpflichtet, sondern auch weiß, wer als aufgehender Stern am Geigenhimmel gilt. Der 1988 geborene Tscheche Jiri Vodicka zum Beispiel.

Am Sonntag begeisterte er zum Abschluss der Saison im Audimax die 500 Zuhörer mit einer sensationellen Wiedergabe von Peter Tschaikowskys D-Dur-Violinkonzert, das beim Konzertverein seit 38 Jahren nicht gespielt worden war.

Da stimmte einfach alles. Atemberaubend die lyrische Verhaltenheit, mit der Vodicka das wundervolle Hauptthema des Kopfsatzes intonierte. Die unter ihrem Chefdirigenten Andreas Sebastian Weiser hochsensibel begleitende Philharmonie Hradec Králové (Königgrätz) ließ das Thema am Ende der Exposition und in der Durchführung mitreißend hymnisch aufjauchzen. Mit sinnlich-betörendem Ton widmete sich Vodicka der Sehnsuchtsmelodie des zweiten Themas, bestach auch in der Durchführung, vom Orchester federnd begleitet, mit einem Höchstmaß an Piano-Kultur. Und er brillierte mit der virtuosen Kadenz, in die er drei so nicht vorgesehene Generalpausen einbaute, um abgerissene Haare vom Geigenbogen zu entfernen.

Die schwermütig-träumerische Melodie der „Canzonetta“ (Liedchen) musizierte  Vodicka ebenfalls als lyrisches Labsal, um dann im folkloristisch-russischen Finale mit phänomenal mühelos wirkender Virtuosität zu glänzen – dies alles mit einem Höchstmaß an Transparenz.

Dem begeistert applaudierenden und „Bravo“ rufenden Publikum schenkte der sympathische Geiger noch ein kurzes Solo von Niccolò Paganini – wohl auch, um Appetit zu machen auf seine vor einem Jahr aufgenommene Debüt-CD mit Solostücken, die während der Pause im Audimax-Foyer reißenden Absatz fand.

Die Philharmonie Königgrätz, nach eigenen Angaben eines der führenden tschechischen Orchester, war mit gut der Hälfte ihrer 85 Musiker nach Marburg gekommen.

Auch kommende Saison alle Konzerte im Audimax

Die „nur“ 27 Streicher gerieten jedoch nie ins Hintertreffen gegenüber der vollen Bläserbesetzung, was nicht zuletzt ein Verdienst des Dirigenten war: Weiser sorgte mit eindringlich-präziser Zeichengebung für eine optimale Klangbalance.

Das dramatische Wogen von Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre zum „Märchen von der schönen Melusine“ hinterließ noch keinen nachhaltigen Eindruck – das Orchester musste sich noch warm spielen. Aber in Antonín Dvoráks 5. Sinfonie war die Philharmonie Königgrätz dann in ihrem Element. Die Streicher musizierten mit seidigem Glanz, die Bläser mit beseeltem Ton und alle zusammen voll musikantischem Temperament – vor allem im dritten Satz, der auf ungemein duftige Weise die populären Slawischen Tänze vorwegnimmt.

Mit dem schmissigen vorletzten dieser 16 Tänze als Zugabe entließen Orchester und Dirigent das Konzertverein-Publikum beschwingt in die Spielzeit-Pause. Weiser wird übrigens nach Marburg zurückkehren und am 1. November mit der Slowakischen Philharmonie den Saison-Auftakt 2015/2016 bestreiten. Vorläufig sind alle Konzerte im Audimax vorgesehen. Den Umzug in die Stadthalle wird der Konzertverein sicherheitshalber wohl erst mit Beginn der übernächsten Saison vollziehen, sagte Geschäftsführer Manfred Eckhardt auf Nachfrage, obwohl der Umbau des Erwin-Piscator-Hauses bereits Anfang kommenden Jahres abgeschlossen sein soll.

von Michael Arndt

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