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Aufbrausend, besessen, arrogant

OP-Kinotipp: „Steve Jobs“ Aufbrausend, besessen, arrogant

Mit seiner Vision hat 
Apple-Mitbegründer Steve Jobs die Welt verändert. Vier Jahre nach seinem Tod kommt nun „Steve Jobs“ ins Kino. Die Handlung hat mit der Realität allerdings wenig zu tun.

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Der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender spielt den Apple-Mitbegründer Steve Jobs als besessenen, oft rücksichtslosen Perfektionisten.

Quelle: Universal

„Steve Jobs“ ist wie ein Theaterstück in drei Akten. Die Kernszenen spielen auf kleinem Raum. Es sind drei Schlüsselmomente in der Karriere des Apple-Mitbegründers, jeweils vor der Vorstellung eines neuen Produkts. Jedes Mal tauchen dieselben Figuren auf, die das Leben des Tech-Visionärs aufrütteln. Kann man 
eine so komplexe Persönlichkeit, die die Welt so nachhaltig verändert hat, in ein simples Schema zwängen und gleichzeitig eine packende, wahre Story erzählen?

Ja und nein. Der Film 
„Steve Jobs“ hat gar nicht den Anspruch, sein Leben nachzuerzählen. „Ich wollte kein Biopic machen“, unterstrich Drehbuchautor Aaron Sorkin. Er wollte nicht Jobs‘ „größte Hits“ wiedergeben. Mit dem Facebook-Film „The Social Network“ über Mark Zuckerberg hatte der Erfolgsautor den Drehbuch-Oscar gewonnen.

Brillante Schauspieler maxhen Schwächen wett

Regisseur Danny Boyle versuchte es so zu erklären: Sie wollten „den Klang von Jobs‘ Geist, mit all seinem Wunder und Schrecken“ einfangen. Der Oscar-prämierte Regisseur („Slumdog Millionär“) versteht sich auf Drama und Spannung, selbst wenn es nur einen Schauplatz gibt. Für den Briten war „Steve Jobs“ aber die bisher „größte Herausforderung“ seiner Karriere.

Die Brillanz seines Hauptdarstellers macht Schwächen wett. Der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender (38, „Macbeth“) sieht Jobs nicht wirklich ähnlich, verwandelt sich aber in eine vielschichtige Figur: aufbrausend, undiplomatisch, mitunter gemein und arrogant. Ein selbstbewusster, besessener Perfektionist, der seine Vision umsetzt.

Das hatte 2013 schon Ashton Kutcher in „Jobs“ versucht. Die Ähnlichkeit, von Jobs‘ leicht gebeugtem Gang bis zu seinem Tonfall, war verblüffend. Doch die konventionell erzählte Story – vom langhaarigen College-Abbrecher, über die Basteljahre in der elterlichen Garage zum Aufstieg als Tech-Millionär – riss das Publikum nicht mit.

Film greift Schlüsselmomente auf

„Steve Jobs“ dagegen fesselt mit einem Feuerwerk an Dialogen und lebt von der Spannung zwischen den Figuren. Und die Besetzung ist großartig. Sorkin hat sich bei seinem Drehbuch lose an der von Jobs autorisierten Biografie des Journalisten Walter Isaacson orientiert, der mit dem Apple-Gründer rund 40 Interviews führte. Viele andere kamen zu Wort, die Jobs auf seinem Lebensweg traf und oft auch verletzte. Der Wälzer „Steve Jobs“ war 2011, kurz nach dem Krebstod des 56-Jährigen erschienen.

Der Film greift drei wichtige Momente im Leben des 
Apple-Mitbegründers auf. 1984, als Jobs den ersten Macintosh vorstellt. 1988, als er nach dem Apple-Ausstieg seinen „NeXT Computer“ präsentiert. Und 1998, als er nach seiner Rückkehr zu Apple den iMac einführt. Sorkin und Boyle treiben den Countdown zu den Produktvorführungen mit fiktiven Begegnungen auf die Spitze.

Jedes Mal legt sich Jobs mit den Schlüsselfiguren an: Da ist sein langjähriger Freund Steve Wozniak (Seth Rogen), der die ersten Apple-Computer entwarf, die Jobs dann genial vermarktete. „Woz“ will mehr Anerkennung für sich und sein Team und wirft Jobs im Film Worte an den Kopf, die der echte Steve Wozniak vielleicht gedacht, aber nie öffentlich geäußert hat.

Oscar-Preisträgerin Kate Winslet ist großartig als Marketing-Managerin Joanna Hoffman, die sich als „Arbeitsplatz-Gattin“ aufopfert. Der damalige Apple-Chef John Sculley (Jeff Daniels) und Software-Guru Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg) geraten mit Jobs aneinander. Die Szenen mit seiner unehelichen Tochter Lisa, die er anfangs verleugnet, gehen ans Herz.

Grobe Fehlinterpretationen der Technik-Geschichte

„Steve Jobs“ lässt vieles aus. Zu viel, werfen einige US-Kritiker dem Film vor. Ehefrau Laurene Powell und ihre drei gemeinsamen Kinder mit Jobs fallen völlig raus, ebenso die zukunftsweisenden Erfindungen iPod, iPhone und iPad. Menschlich kommt der Mann mit dem schwarzen Rollkragenpulli nicht gut weg.

In Schlüsselszenen leistet sich der Film auch grobe Fehlinterpretationen der Technik-Geschichte. Ein Beispiel für etliche: Der „NeXTCube“ von Jobs‘ zweiter Firma wird im Film als nutzloses Designer-Möbelstück abgetan. Die Rede ist aber von einem Rechner mit einem wegweisenden Betriebssystem, auf dem der Wissenschaftler Tim Berners-Lee den ersten maßgeblichen Entwurf des World Wide Web entwickelt hat.

Das Biopic, das keins sein will, ist trotz der groben sachlichen Schnitzer spannendes, gut gemachtes Kino. Und es ist bestimmt nicht der letzte Film über Steve Jobs.

von Barbara Munker

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