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Auf schwere Kost folgt ein Klassik-Hit

Studenten-Sinfonie-Orchester Auf schwere Kost folgt ein Klassik-Hit

Das Studenten-Sinfonieorchester Marburg (SSO) setzt in seinen klug zusammengestellten Programmen nicht nur auf Populäres, sondern spielt in schöner Regelmäßigkeit Marburger Erstaufführungen.

Marburg. Zwei Werke, die bei anderen Marburger Konzertveranstaltern noch nie zu hören waren, bildeten am Dienstag im Audimax die erste Konzerthälfte. Den Anfang machte das SSO unter der Leitung von Ulrich Manfred Metzger mit George Gershwins jazziger „Cuban Overture“. Das 1932 komponierte Werk ist das ideale „Einspielstück“. In den Rahmenteilen dürfen die im Big-Band-Stil eingesetzten Blechbläser so richtig loslegen. Und sie taten es auch - manchmal hart an der akustischen Schmerzgrenze, während sich im Mittelteil die Holzbläser lyrisch einschmeichelten. Lustvoll zur Sache ging auch das groß besetzte, unter anderem authentische kubanische Instrumente einsetzende Schlagwerk.

Für die Marburger Erstaufführung von Dmitri Schostakowitschs erstem Violinkonzert hatte das SSO den bulgarischen Geiger Dimiter Ivanov verpflichtet. Der Konzertmeister des Frankurter Opern- und Museumsorchesters hatte bereits vor zwei Jahren das Marburger Publikum mit Erich Wolfgang Korngolds eingängigem Violinkonzert begeistert. Mit Schostakowitschs viersätzigem a-Moll-Konzert, 1955 vom großen David Oistrach uraufgeführt, widmete sich Ivanov nun einem Werk, das für traditionelle Zuhörer schwere Kost bedeutet. Einmal schon wegen seiner Länge von fast 40 Minuten. Zum anderen, weil in den beiden langsamen Sätzen, die drei Viertel des gesamten Werkes beanspruchen, düstere Schwermut vorherrscht, worin sich die Unterdrückung des Komponisten durch das Stalin-Regime widerspiegelt.

Ivanov brachte die tragisch gefärbte Melodik mit herbem Ton und brennender Intensität zum Klingen, eindringlich unterstützt von dem vorwiegend mit dunklen Farben malenden Orchester.

In den beiden raschen Sätzen traf Ivanov genau den von Schostakowitsch gewollten Ton des verbissenen Insistierens und des sarkastischen Karikierens, erwies sich überdies auch als mitreißender Virtuose.

Nach der Pause spielte das SSO eine der populärsten Sinfonien überhaupt, die allerdings auch in Fachkreisen als „Meilenstein der Musik“ zählt - was nicht bei allen Werken, die in der Gunst des breiten Publikums ganz oben stehen, der Fall ist. Aber Antonin Dvoráks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ ist trotz oder gerade wegen ihrer Eingängigkeit nicht einfach zu musizieren - gerade für ein Laienorchester nach einem kräftezehrenden Semester und als Abschluss eines mit mehr als 90 Minuten sehr langen Programms. Jedenfalls nahmen die Patzer vor allem bei den Bläsern gegen Ende der Sinfonie deutlich zu, weil wahrscheinlich verständlicherweise die Kondition nachließ.

Dennoch war es wieder ein Vergnügen, hörend zu erleben, mit welcher Leidenschaft und Hingabe sich die jungen Musikerinnen und Musiker ins Zeug legten. Und den seidigen Glanz der hohen Streicher, die sonore Fülle der tiefen und so manches Bläser-Solo hört man auch bei Profi-Orchestern nicht eindringlicher.

Hervorzuheben sind das Horn-Solo am Beginn der Sinfonie, welches nach der schwermütig-langsamen Einleitung das ohrwurmartige Hauptthema vorstellt. Und vor allem der wundervoll musizierte sehnsuchtsvolle Gesang des Englischhorns im langsamen zweiten Satz. Dirigent Ulrich Manfred Metzger, der mit präziser Schlagtechnik, fordernd-eindringlicher Körpersprache und auswendig dirigierend für starke Kontraste in Tempo und Dynamik sorgte, überreichte deshalb am Schluss den ihm zugedachten Blumenstrauß der Englischhorn-Solistin - eine schöne Geste.

Anschließend schlüpfte er ins Kostüm von „Superman“ und bedankte sich mit dem SSO bei den 800 Zuhörern für den Beifall und die Bravo-Rufe mit der Filmmusik aus „Superman Returns“.

Am Sonntag wiederholt das SSO sein Konzert im Audimax. Beginn ist bereits um 18 Uhr.

von Michael Arndt

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