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Auf den Spuren von Erwin Piscator

Der Namensgeber der Stadthalle Auf den Spuren von Erwin Piscator

Wer war der Mann, nach dem das Erwin-Piscator-Haus benannt ist? Gut 200 Gäste gingen am Sonntagvormittag mit Professor Peter Jung und Axel Poike auf Spurensuche.

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Margot Piscator (von links), Professor Peter Jung, die Schauspielerin Charlotte von Sachsen, der Schauspieler Axel Poike, Piscators Neffe Karl Heinz Piscator und die Nichte des Regisseurs Hannelore Berdux stellten sich nach der Matinee für ein Gruppenfoto.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Mit einem so großen Andrang zu der Piscator-Matinee „Lebenszeichen“ hatten die Veranstalter am sonnigen Sonntagvormittag offensichtlich nicht gerechnet.

Die Stühle auf der dunklen Bühne des Erwin-Piscator-Hauses reichten bei 
Weitem nicht aus, weitere mussten herbeigeholt werden.

Der Fachdienst Kultur hatte 
 zwei Piscator-Kenner eingeladen, um den Marburgern den Theaterregisseur näherzubringen, nach dem bereits die alte 
Stadthalle seit der Eröffnung im September 1969 benannt war: Professor Peter Jung und Axel Poike. Beide kommen von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, der berühmten Berliner Theaterschmiede.

Unterhaltend und informativ Lesung

Bislang wurde Piscator nie genannt, wenn es um die Stadthalle ging – die Stadthalle war die Stadthalle. Nach dem drei Jahre dauernden Umbau, der am Wochenende feierlich eröffnet wurde, heißt das Gebäude nun offiziell und ausschließlich Erwin-Piscator-Haus, wie Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach betonte.

Jung und Poike näherten sich Erwin (Friedrich Max) Piscator in Form einer sorgfältig recherchierten und ebenso unterhaltenden wie informativen szenischen Lesung an. Sie machten deutlich, dass Piscator sich schon in jungen Jahren in der Weimarer Republik als innovativer und politischer Regisseur 
einen Namen gemacht hatte.

Piscator wurde am 17. Dezember 1893 in dem Dörfchen Ulm im Westerwald geboren. Sechs Jahre später zogen seine Eltern nach Marburg, wo er das Gymnasium Philippinum und die Städtische Oberrealschule besuchte. Schon früh entschied er sich für das Theater und gegen eine kaufmännische Laufbahn in der 
Textilmanufaktur seiner Eltern.

Piscator ging zum Studium nach München: Jung und Poike trugen einen wunderbaren und dem drängenden Ton nach etwas dreisten Bettelbrief vor, den der finanziell stets klamme Student Piscator an seine Eltern schickte.

Der Erste Weltkrieg wird traumatische Erfahrung

Wie für Millionen andere junge Deutsche dieser Zeit wurde der 1. Weltkrieg zu einer traumatischen Erfahrung: In Briefen und Gedichten berichtet er von den „Viehtreibern in Soldaten-Uniform“, die junge 
Rekruten an die Front quälten. Doch Piscator hatte Glück im Unglück – der junge Schauspieler und Regisseur wurde nach einer schweren Verwundung einem Fronttheater zugeteilt.

Die Kriegstragödie bestärkte ihn in seiner pazifistischen und sozialistischen Haltung, die er später in Königsberg und dann in Berlin in seinem proletarischen Theater im Wedding auf die Bühne bringen sollte. Piscator versuchte sich auch in der damaligen Sowjetunion, eckte 
dort aber mit der Kulturbürokratie an.

Piscator war in den 20er- und 30er-Jahren etabliert, ein gefragter Regisseur, verließ Deutschland aber als bekennender Linker aus Angst vor den Nationalsozialisten. Gemeinsam mit seiner Frau, der wohlhabenden Tänzerin Maria Ley, emigrierte er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die USA.

„Was soll ich dort? Noch einmal von vorne anfangen?“, zitierten ihn die Referenten. Der Neuanfang gelang ihm gleichwohl: Zwischen 1940 und 1951 war er Gründer und Leiter einer Schauspielschule in New York. Jung und Poike präsentierten eine illustre Liste mit Absolventen von Piscators Dramatic Workshop: Tennessee Williams, Marlon Brando, Tony Curtis oder Rod Steiger.

Erst Flucht vor den Nazis, dann Flucht vor McCarthy

Aber auch in den USA konnte 
 Piscator nicht bleiben: Die 
Kommunisten-Hatz des Senators Joseph McCarthy trieb ihn wieder in die Flucht: 1951 kehrte er in das vom Krieg verwüstete Deutschland zurück. Und wieder gelang ihm ein Comeback: Für 69 Inszenierungen in ganz Deutschland zeichnete Piscator im Nachkriegsdeutschland verantwortlich, davon vier in Marburg: Lessings „Nathan der Weise“ 1952 war drei Monate lang ausverkauft, kurz darauf folgte Büchners „Dantons Tod“ und im April 1955 Arthur Millers „Hexenjagd“.

Jean-Paul Sartres „Die Eingeschlossenen“ im November 1960 war seine letzte Regiearbeit in Marburg. Zwei Jahre später wurde er Intendant der Berliner Volksbühne. Der Theater-Erneuerer Piscator starb am 30. März 1966 in Starnberg.

Bei der Matinee zu Gast waren unter anderem die heute 96-jährige Schauspielerin Charlotte von Sachsen, die in Marburg mit Piscator gearbeitet hat, sowie Piscator Neffe Karl Heinz Piscator (86), der mit seiner Frau aus dem Raum Münster angereist war, und Piscators Nichte 
Hannelore Berdux (88), die in Marburg lebt. Piscator war zwar zweimal verheiratet, hatte selbst aber keine Kinder.

Sowohl Hannelore Berdux als auch Karl Heinz Piscator haben nur wenige persönliche Erinnerungen an ihren weit gereisten Onkel. „Als Mensch haben wir ihn nur ein wenig kennengelernt“, sagte Hannelore Berdux. „Es war immer eine gewisse Distanz da. Aber uns Kinder mochte er.“ Er habe gerne gut gegessen, Schlafanzüge und Strümpfe hätten aus Seide sein müssen. Mit Vorliebe habe er blaue Samtschuhe getragen.

Eröffnet wurde am Sonntag gleichzeitig eine kleine Dauerpräsentation zu Erwin Piscator im Obergeschoss des Hauses, das nach ihm benannt ist: Auf vier Tafeln, die Karin Stich‑
nothe-Botschafter vom Fachdienst Kultur der Stadt Marburg konzipiert hat, werden seine 
Regiearbeiten in Marburg gewürdigt.

von Uwe Badouin

 Auf der Bühne des Erwin-Piscator-Hauses präsentierte der Fachdienst Kultur eine sehr gut besuchte Matinee. Foto: Stadt Marburg
 
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