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Auf den Spuren von Agnes Günther

Literatur Auf den Spuren von Agnes Günther

Eine Autorin, deren Namen kaum jemand kennt, obwohl sie einen der erfolgreichsten Romane der deutschen Literatur verfasst hat: "Die Heilige und ihr Narr" wurde 1,8 Millionen Mal verkauft. Vier Jahre lebte Agnes Günther in Marburg. Und zu ihrem 150. Geburtstag reist die Urenkelin in die Vergangenheit.

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Agnes Günther verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Marburg. Auf dem Hauptfriedhof befindet sich ihr Grab. Foto: privat/Schwarzwäller

Marburg. Der Grabstein steht schief und sein Alter ist ihm anzusehen. Aber die Stadt hat Wort gehalten und das Grab hergerichtet. Als Gila Günther ein Foto im Internet entdeckt hatte, habe es sie traurig gemacht zu sehen, in welchem Zustand die letzte Ruhestätte ihrer Urgroßmuter gewesen sei, sagt sie. Zum 150. Geburtstag ist nun wie versprochen auch eine Schale bepflanzt worden und Gila Günther füllt eine Gießkanne mit frischem Wasser. Neben ihrem Mann Rudolf liegt Agnes Günther in einem Ehrengrab auf dem Marburger Hauptfriedhof begraben; am 21. Juli 1863 in Stuttgart geboren und am 11. Februar 1911 in Marburg gestorben.

Erst vier Jahre vor ihrem Tod war sie mit Rudolf und den beiden Söhnen in die Universitätsstadt an der Lahn gekommen. Die Familie wohnte im Haus Barfüßertor 25. Dort hat sich Urenkelin Gila Günther mit Dorothea Demmel verabredet, der Autorin der Agnes Günther-Biografie „Die Frau mit den bunten Flügeln“. Auch die Tochter und Enkelin der 68-Jährigen hatten zu diesem Familientreffen der besonderen Art kommen wollen, waren aber mit einer Autopanne auf der Strecke liegen geblieben. Gila Günther macht sich allein mit Dorothea Demmel und deren Mann Klaus auf den Weg durch Marburg auf den Spuren ihrer Urgroßmutter.

Ihr Roman wurde 1,8 Millionen Mal verkauft

Eine äußerst charismatische Frau und eine wunderbare Erzählerin sei sie gewesen, sagen Urenkelin und Biografin. Lediglich einen einzigen Roman hat sie verfasst, fertiggestellt kurz vor ihrem Tod, der dann allerdings zu einem echten „Longseller“ wurde. „Die Heilige und ihr Narr“ ist seit seinem ersten Erscheinen 1913 rund 1,8 Millionen Mal verkauft, in 17 Sprachen übersetzt, dreimal verfilmt und inzwischen in der 145. Auflage veröffentlicht worden. „Noch heute hat das Buch einen großen Fanclub“, sagt Gila Günther. Sie hat den Roman als junge Frau zum ersten Mal gelesen, erzählt sie. Als sie mit 21 Jahren mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung im Krankenhaus lag, habe sie die Zeit gehabt, sich darauf einzulassen.

„Wiederentdeckt“ hat Gila Günther die Urgroßmutter dann in Marburg. Sie wusste nicht, wo genau sich das Grab von Agnes Günther befand und über die Suche im Internet stieß sie dann auch auf die Biografie von Dorothea Demmel. Die hatte bei ihrer Recherche wiederum mit einem anderen Teil der Familie Günther zu tun gehabt. Heute haben die beiden Frauen regelmäßig Kontakt und auf das Treffen zum 150. Geburtstag von Agnes Günther in Marburg haben sich beide schon lange gefreut. Sie sei übrigens die einzige in der weitverzweigten Familie, die den Namen der berühmten Urgroßmutter trägt, erklärt Gila Günther. Gisela Maria Agnes wurde sie getauft, wobei Gisela auch der Name einer der Romanfiguren ist.

Von Lesern - vor allem Leserinnen - war und ist der Roman ein vielgeliebter, sagt Dorothea Demmel. Von der Kritik wurde die Geschichte um das Leben und die große Liebe einer Fürstentochter hingegen oft geschmäht. Man müsse sich auf das Buch einlassen können, erläutert Gila Günther. Auch auf die altertümliche Sprache. Wenn man es aber im Zuge des Jugendstils sehe, dann passe alles wunderbar. Vor allem die Beschreibungen von Landschaften und Stimmungen seien bemerkenswert.

In der schwäbischen Heimat der Autorin gibt es mehrere Orte, die auch im Roman vorkommen, wenn auch unter anderen Bezeichnungen. Langenburg, wo Agnes Günthers Mann Dekan war, war ihre Hauptwirkungsstätte. Dort sei zum 150. Geburtstag der Autorin auch viel los, erzählt Gila Günther. Von Marburg sei sie diesbezüglich etwas enttäuscht.

Nach dem Besuch des Friedhofs und des Wohnhauses der Familie Günther am Barfüßertor waren Gila Günther und Dorothea und Klaus Demmel auch noch in dem Viertel unterwegs, in dem Rudolf Günther dann als Witwer in Marburg gelebt hat. Sohn Gerhard - Gila Günthers Großvater - heiratete eine Tochter des Marburger Professors Kurt Hensel. Das Wohnhaus der Familie Hensel ist das heutige Herder-Institut am Schlossberg.

Das erste Kapitel des Romans „Die Heilige und ihr Narr“ ist übrigens in vielen Familien eine bekannte Weihnachtsgeschichte: „Die Waldweihnacht“ war 1908 bereits einzeln als kleines Büchlein veröffentlicht worden.

Von Nadja Schwarzwäller

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