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Auf dem Laufsteg des Lebens

Autobiografie von Jorge González Auf dem Laufsteg des Lebens

„Hola Chicas!“ Wenn die Mädels bei „Germany‘s Next Topmodel“ das hörten, war das Gekreische groß: Catwalk-Trainer Jorge González erschien auf seinen High Heels. Gerade läuft Heidi Klums TV-Show wieder, aber ohne González. Der hat derweil ein Buch geschrieben, in dem er vieles aus seinem Leben erzählt - und nur ganz wenig über „GNTM“.

Marburg. „Hola Chicas! Auf dem Laufsteg meines Lebens“ gibt Einblicke in die Lebensgeschichte des 45-Jährigen, der schon als Kind in Kuba von der großen Freiheit in Europa träumte und diese später vor allem in seiner Wahl-Heimat Hamburg fand. Der als Schüler im Fidel-Castro-Staat alles daran setzte, einen Auslandsstudienplatz zu ergattern, um einem schwulenfeindlichen Klima zu entfliehen.

Schon in der Vorschule spürte Jorge, dass er anders war. „Du merkst, dass dir Jungs gefallen, aber die Bedeutung des Wortes Homosexualität ist dir nicht klar“, schreibt González. Er wollte dem kubanischen Männlichkeitswahn entfliehen. So sah der Plan aus: einer der besten Schüler werden, um im sozialistischen Kuba vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ in Europa ein Stipendium für Osteuropa zu erhalten. „Ich wollte nach Europa - für mich ein Synonym für Paradies und Freiheit“, erinnert er sich. González wurde einer der besten Schüler, bewarb sich für ein Nuklear-Ökologie-Studium in Bratislava - wobei ihm der Ort wichtiger war als das Studienfach - und setzte sich unter mehr als 800 Bewerbern um die vier Plätze durch. 1985 brach er in die damalige Tschechoslowakei auf. Der „Nuklear-Ökologe auf Stöckelschuhen“, nannte ihn die „WAZ“.

González, der heute ein eigenes Modelabel hat, beschreibt in dem Buch seine Studienzeit, erzählt vom ersten festen Freund, den Anfängen als Model, Catwalktrainer und Choreograf für Fashionshows und Fotoshootings von Designern. Nach einem Werbespot für Coca-Cola, für den er heimlich vor der Kamera stand, sollte der Student zurück in die Karibik: „Ich war jetzt ein Abtrünniger der Revolution, denn ich hatte gearbeitet, was den kubanischen Studenten verboten war, und dann auch noch für den kapitalistischen Feind, für die ,rote Dose‘“, berichtet er. Doch González tauchte ab und beendete, nachdem er sich wieder frei bewegen konnte, 1991 sein Studium.

1994 verliebte er sich in seine künftige Heimat Hamburg. González beschreibt, wie er ohne Kontakt zur Familie leben musste, wie er 1997 erstmals ein Visum für Kuba bekam (seit 1989 hatte er seine Eltern nicht mehr gesehen) und wie er dort nun als Tourist galt. Über „GNTM“ erfährt der Leser - bis auf den Auftritt, bei dem ausgerechnet der Model-Trainer fiel - nichts. Natürlich erklärt González den „Chicas-Walk“, vor allem aber ist es ein persönliches Buch darüber, wie er sich durchbeißen musste. „Es ging mir darum, akzeptiert und respektiert zu werden“, schreibt er. In Deutschland fand er sein selbstbestimmtes Leben: „Ich kann auf die Straße gehen, ohne mein Ich verstecken zu müssen.“

Jorge González: „Hola Chicas! Auf dem Laufsteg meines Lebens“, Heyne Verlag, 256 Seiten, 9,99 Euro.

von Dorit Koch

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