Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Auf Tuchfühlung mit Störtebeker

OP-Buchtipp: „Martin Amanshäuser: Der Fisch in der Streichholzschachtel“ Auf Tuchfühlung mit Störtebeker

Wer träumt nicht von einer Karibik-Kreuzfahrt mit wolkenlosem Himmel, azurblauem Wasser und kühlen Drinks? Für Fred Dreher wird der Traumtrip zum Albtraum.

Voriger Artikel
Lenny Kravitz knipst zurück
Nächster Artikel
Nina, Nager und Nächte

Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen von Philipsburg auf der Karibikinsel St. Martin.

Quelle: Ron Sachs

39 ist nicht zwingend ein Alter, in dem Mann bereits zur Midlife Crisis neigt. Doch Fred hat eine Million Gründe dafür, im dauerhaften Krisenmodus zu versinken:

Sein Ein-Mann-Unter­nehmen für Alarmsysteme steht unmittelbar vor der Insolvenz, seine Ehe mit Tamara erträgt er nur noch mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Zynismus, die Tochter pubertiert heftigst, der zehnjährige Sohn pendelt zwischen Fressattacken und Computerspielen – ausreichend Gründe also, mit seinem Dasein zu hadern.

Schon absurd genug, dass sich Fred von seiner eigenen Frau Geld leiht, um ihr und der Familie zum Geburtstag eine zwölftägige Kreuzfahrt auf der „Atlantis“ zu schenken, einem jener schwimmenden Hochhauskomplexe, die tausende von Menschen an ihren Traumstränden vorbeischippern.

Noch absurder allerdings ist in Martin Amanshäusers „Fisch in der Streichholzschachtel“ das Zusammentreffen der Kreuzfahrtpassagiere mit einem Piratenschiff, an dessen Steuerruder kein anderer steht als der Haudegen Störtebeker, umgeben von einer internationalen Truppe abgerissener Höllenhunde. Auf ihrer „Fin del Mundo“ jagen sie seit Monaten einer lohnenden Prise hinterher – wohlgemerkt in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Hintersinniger Humor

Dass ein Tropensturm die Freibeuter mitten ins 21. Jahrhundert befördert, bedarf sicherlich keiner physikalischen Erklärung – es ist das Seemannsgarn, aus dem Amanshäuser seine Story spinnt. Beide Schiffe – Kreuzfahrtriese und Holzschooner – sind havariert und dümpeln nach dem Sturm in Sichtweite durch die Dünung.

Freds Tochter verliebt sich in einen jungen Enterhakenschwinger, die ausgebildete Hebamme Tamara hilft einer hochschwangeren Piratenbraut bei der Entbindung, kurz: Das Zusammentreffen der beiden Schicksalsgemeinschaften aus verschiedenen Jahrhunderten bietet jede Menge Stoff für Martin Amanshäusers hintersinnigen Humor.

Der gebürtige Salzburger ist seit Jahren als Kolumnist und Reisejournalist unterwegs. Damit kennt er das Geschäft bestens, das er Fred Drehers Jugendliebe Amélie auf den Leib geschrieben hat – auch sie ist Reisejournalistin, auch sie ist an Bord der „Atlantis“ und sorgt dafür, dass das ohnehin lädierte Gefühlsleben des Seefahrers von der traurigen Gestalt noch mehr aus dem Lot gerät.

  • Martin Amanshäuser: Der Fisch in der Streichholzschachtel, Deuticke, 576 Seiten, 21,90 Euro.

von Carsten Beckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr