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Auf Krawall gebürsteter Wutbürger

„Ein Volksfeind" am Landestheater Auf Krawall gebürsteter Wutbürger

Regisseurin Amina Gusner hat das 1883 uraufgeführte Lehrstück über den Kapitalismus in die Gegenwart geholt und als Farce inszeniert - unentschlossen zwischen Tragödie und Karikatur.

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Der Arzt Thomas Stockmann (Stefan A. Piskorz) liegt am Boden. Seine Tochter Petra (Leonie Reiner, links) und seine Frau Katrin (Julia Glasewald) stehen ihm bei.Foto: Christian Buseck

Marburg. Die Welt des Badearztes Dr. Thomas Stockmann (Stefan A. Piskorz) liegt bereits in Trümmern, als er zum großen Rundumschlag ausholt: Das Theater ist kurzerhand in eine Bürgerversammlung umfunktioniert worden, die Zuschauer werden zu der kompakten Mehrheit, zu der anonymen, feindlichen Masse, die ihm gegenübersteht. Sie sind die Adressaten seiner unbändigen Wut und Verzweiflung. Was folgt, ist eine Publikumsbeschimpfung. Nicht die Klugen, sondern die Dummen seien in der Mehrheit. Die Mehrheit habe die Macht, also hätten die Dummen die Macht, schreit er atemlos das Publikum an, diese dumme Nazimasse. Sie alle sollten erschossen, vergast, vergiftet werden. Stockmann wird kurzerhand zum „Volksfeind“ erklärt.

Es wird ohnehin viel geschrien in dieser ersten Marburger Inszenierung von Amina Gusner. Konflikte werden lautstark ausgetragen.

Ibsens „Ein Volksfeind“ wurde 1883 in Oslo uraufgeführt. Im Zentrum steht der Badearzt Thomas Stockmann, der feststellt, dass Schlämme aus der Gerberei seines Schwiegervaters das Wasser vergiften. All das kann heute überall und jederzeit passieren. Hovstadt (Maximilian Heckmann), ein Redakteur des „Volksboten“, und der Drucker Aslaksen (Thomas Huth), die Stimme der Hausbesitzer, schlagen sich auf seine Seite.

Sie schwenken aber sofort um, nachdem ihnen der Oberbürgermeister Peter Stockmann (Tobias M. Walter), der ältere Bruder des Arztes, klar macht, dass mit einer Sanierung erhebliche Kosten verbunden sind, die die Bürger zu tragen hätten. Also wird der Mantel des Vergessens ausgebreitet - die Zukunft der Stadt und all derer, der vom Kurbad profitieren, ist bedroht.

Ein Gegenentwurf zur Konsensgesellschaft

Die „freie Presse“ und die bürgerliche Mehrheit fallen dem Arzt in den Rücken. Der Arzt hat bald nur noch seine Frau Katrin (Julia Stockmann), die ihn mehrfach warnt, seine Tochter Petra (Leonie Reiner) und den Schiffskapitän Horster (Daniel Sempf) auf seiner Seite.

Es gibt viele Konflikte in diesem Stück: Die Macht der Mehrheit und die Ohnmacht des Individuums, den Konflikt der beiden Brüder, die auch alte Auseinandersetzungen austragen, den Konflikt in der Familie: Darf man deren Zukunft aufs Spiel setzen, indem man sich mit den Mächtigen anlegt?

Amina Glusner hat den Stoff folgerichtig in die Gegenwart geholt: Die Figuren tragen auf der von Johannes Zacher nüchtern ausgestatteten Bühne heutige Kleidung, könnten einem in der Oberstadt oder im Parlament begegnen. Und auch die Auseinandersetzung - hier geht es beispielhaft um die Gesundheit auf der einen und das Vermögen Einzelner und der Gesellschaft auf der anderen Seite - wird vielerorts ausgetragen. Es geht um Korrumpierbarkeit, um Macht und Ohnmacht, um Manipulation.

Allerdings ist die Regisseurin ziemlich auf Krawall gebürstet. Leise Töne hört man selten, subtile Drohungen als Mittel der Macht sind nicht ihr Ding. So geht manches unter im Radau, zumal die Inszenierung bisweilen unentschlossen pendelt zwischen Farce, Karikatur und Tragödie.

Stefan A. Piskorz zeigt jenen Arzt Stockmann als genau den „Strudelkopf“, als den ihn Ibsen bezeichnete. Er nimmt teilweise Züge von Kleists Kohlhaas an, während er von einem lebenslustigen Gastgeber zum einsamen, wirr wirkenden Wutbürger mutiert - zum Gegenentwurf zur Konsensgesellschaft.

Glasklar und glaubwürdig spielt Tobias M. Walter den Bürgermeister als Technokraten, der auch seinen Bruder über die Klinge springen lässt. Maximilian Heckmann zeichnet den Redakteur Hovstadt als feige, unterwürfige Karikatur ohne jedes Rückgrat, und Aslaksen wird bei Thomas Huth zu einem rücksichtslosen und gefährlichen Opportunisten, der nur sein eigenes Wohl im Blick hat.

Das Ende bleibt in Marburg offen: Kämpft Stockmann weiter, dieser wütende Rebell, oder lässt er sich von seinem Schwiegervater (Jürgen Helmut Keuchel) kaufen?

„Ein Volksfeind“ ist morgen Abend sowie am 4., 20. und 29. März jeweils um 19.30 Uhr wieder zu sehen.

von Uwe Badouin

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