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Atemberaubende Krimi-Spannung

Tess Gerritsens "Abendruh" Atemberaubende Krimi-Spannung

Drei Kinder sind die einzigen Überlebenden schrecklicher Familientragödien. Da aber auch sie vor dem unbekannten Mörder nicht sicher sind, werden sie in das hochgesicherte Internat „Abendruh“ gebracht.

Marburg. In der internationalen Krimi-Szene sind sie längst etabliert: Detective Jane Rizzoli und Gerichtsmedizinerin Maura Isles. Nicht zuletzt kennt man sie aus einer nach den beiden benannten amerikanischen Fernsehserie. Im neuen Fall mit dem Titel „Abendruh“ sind sich die sonst so eng zusammenarbeitenden Freundinnen anfangs nicht sonderlich grün. Doch ein verzwickter Fall führt die beiden wieder zusammen, beruflich wie privat.

Autorin Tess Gerritsen hat sich dafür ein ganz perfides Verbrechen ausgedacht, das in seiner Grundkonstellation „Geld macht gierig – gierig macht böse – Böses macht Geld“ zwar sehr simpel erscheint, in seiner Ausführung aber kompliziert konstruiert ist. Rätselhaft ist schon der Auftakt: Drei Kinder sind wie durch ein Wunder Überlebende mehrerer Mordanschläge, bei denen zuerst ihre Familien, dann auch noch ihre Pflegeeltern ums Leben kommen. Alle drei landen in einem Schulinternat, ein scheinbar sicheres Domizil für Claire, Will und Teddy. Doch eigentlich ist jedem klar: Die Jagd auf sie ist nicht zu Ende.

Nicht nur der Name des Internats „Abendruh“ – bekannt schon aus dem früheren Gerritsen-Krimi „Totengrund“ – verheißt vorerst Frieden, den die hier untergebrachten Kinder bitter nötig haben. Denn alle verloren mindestens einen Menschen durch ein Gewaltverbrechen und sind seelisch gestört. Das Internat ist eine hochgesicherte Anlage, in die kein ungebetener Gast eindringen kann. Initiiert wurde diese Zuflucht vom Mephisto-Club, einer seltsamen Organisation, die sich angeblich zur Aufgabe gemacht hat, aus Opfern widerstandsfähige und überlebenstüchtige Menschen zu formen, nach Ansicht Isles‘ aber Rächer und Kämpfer gegen das Böse rekrutiert.

Dennoch scheint „Abendruh“ der einzig mögliche Ort zu sein, in dem sich die drei Kinder von den Traumata erholen können. Als aber selbst in dieser Bastion Unfassbares geschieht, wissen nicht nur Rizzoli und Isles, dass Claire, Will und Teddy auch hier nicht mehr sicher sind. Die Polizistin stochert lange im Nebel und kommt dem Rätsel erst nach gefahrvollen Recherchen auf die Spur. Genauso lange wird der Leser im Ungewissen gehalten – und meist auch in atemberaubender Spannung.

Das ausgeklügelte Sujet ist sehr verwirrend und mitunter auch etwas verworren. Dennoch ist Tess Gerritsen wieder ein Thriller gelungen, bei dessen Lektüre sich einem die Nackenhaare aufstellen. Fachkundige Details, mit dem die ausgebildete Ärztin nicht nur ihre Gerichtsmedizinerin brillieren lässt, machen das Leid gequälter Menschen fassbar. Einzelne, kursiv geschriebene und manchen Kapiteln vorangestellte Absätze sind „die Stimme aus dem Off“, und sehr sibyllinisch. Kurz: Die Amerikanerin, die 1996 ihren ersten Krimi veröffentlichte, legt mit „Abendruh“ eine klasse Fortsetzung ihrer Rizzoli-Isles-Serie vor, der hoffentlich noch einige folgen werden.

Tess Gerritsen: „Abendruh“, Limes Verlag, München, 416 Seiten, 19,99 Euro.

von Frauke Kaberka

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