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Ungemein fein gewirkter Klangteppich

Asasello-Quartett Ungemein fein gewirkter Klangteppich

Die mitreißende Musizierfreude des Kölner Streichquartetts sorgte am Samstag dafür, dass man im großen Saal des Erwin-­Piscator-Hauses eine Stecknadel hätte fallen hören können.

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Klangfülle, Glanz und Geschlossenheit

Rostislav Kozhevnikov (von links), Justyna Sliwa, Teemu Myöhänen und Barbara Kuster musizierten als Asasello-Quartett auf der Bühne der Marburger Stadthalle.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wer ist Asasello? ­Literaturfreunde werden es wissen: eine Figur aus Michail Bulgakows „Faust“-Roman „Der Meister und Margarita“. Der gefallene Engel als Namensgeber inspirierte das 2000 in ­Basel gegründete und in Köln beheimatete Asasello-Quartett bei seinem Konzertverein-Debüt zu wahrhaft himmlischen Klängen.

Als treibende Kraft entpuppte sich der russische Geiger Rostislav Kozhevnikov. Bei seinem leidenschaftlichen Einsatz für die drei Meisterwerke von Claude­ Debussy, Joseph Haydn und ­Peter Tschaikowsky schien es den Primarius zeitweise kaum auf seinem Stuhl zu halten.

So bewegte er als Primus inter Pares, als Erster unter Gleichen, die gebürtige Schweizerin Barbara Kuster an der zweiten Violine, die polnische Bratschistin Justyna Sliwa und den finnischen Cellisten Teemu Myöhänen zu so mitreißend musizierten wie feinsinnig ausgeloteten Wiedergaben.

Glanzvoll erstrahlt der „Sonnenaufgang“

Dies gleich im einzigen Streichquartett von Debussy, der dort formal zwar der Tradition folgt, darüber aber einen „prächtigen, kunstvoll gemusterten Teppich in exotischen Farben“ hängt, wie es Debussys Komponistenkollege Paul Dukas beschrieb. Es handelt sich aber um einen ungemein fein gewirkten Teppich, wie das auf mediterrane Leichtigkeit und luzide Klanggestaltung setzende Spiel des Asasello-Quartetts verdeutlichte. Dieser Interpretationsansatz setzte­ sich fort in einem der Spät­werke des mehr als 70 Stücke umfassenden Streichquartettschaffens von Haydn, der damit die Königsgattung der Kammermusik begründet hat.

Zu Beginn des B-Dur-Quartetts opus 76/4 ließen die vier Musiker glanzvoll den titelgebenden „Sonnenaufgang“ erstrahlen, erzielten im eindringlich gesungenen Adagio fast schon romantische Klangwirkungen, widmeten sich lustvoll dem volkstümlichen Ton des Menuetts, um sich final in einen bravourös gemeisterten Geschwindigkeitsrausch zu spielen.

Schon vor der Pause wollte somit der Applaus kein Ende nehmen. Und erst recht am Schluss, nach Tschaikowskys drittem und letztem Streichquartett. Das Asasello-Quartett steigerte­ den Klagegesang des Kopfsatzes zu überwältigender orchestraler Klangfülle, ließ rastlos das knappe Scherzo dahinstürmen. Es bereitet den Boden für das Andante funebre, eine Trauermusik, deren Größe Tschaikowsky erst 17 Jahre später im Finale seiner sechsten und letzten Sinfonie „Pathetique“ wieder erreichte.

Den Schalk im Nacken

Dem resignativen Ton dieses kaum vom Fleck kommenden Trauermarsches spürten die vier Musiker genauso ergreifend nach wie dem Trost spendenden Mittelteil.

Nach dem unbeschwerten, folkloristisch angehauchten Finale zeigten die sympathischen Musiker, dass ihnen der Schalk im Nacken sitzt. So begannen Kuster, Sliwa und Myöhänen das Notturno aus Alexander Borodins zweitem Streichquartett ohne ihren Primarius, weil dieser angeblich seine Noten vergessen hatte. Aber das Stück sieht seinen Einsatz ohnehin erst später vor. Und den musizierte er, quasi als Ständchen-Sänger, aus dem Off, bevor er wieder auf seinem Stuhl Platz nahm.

Als Rausschmeißer gab es noch das Finale aus Wolfgang Amadeus Mozarts letztem Streichquartett F-Dur KV 590, das Haydn als Vorbild für sein „Sonnenaufgangs“-Quartett gedient haben soll.

von Michael Arndt

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