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„Antragslyrik“ und andere Nöte

SPD-Diskussion über Kulturförderung „Antragslyrik“ und andere Nöte

Um „Herausforderungen und Probleme der Kulturförderung im 21. Jahrhundert“ ging es in der Waggonhalle. Zwei Stunden lang redeten alle irgendwie knapp aneinander vorbei.

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Gero Braach (von links), Matthias Faltz, die SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol und Siegmund Ehrmann, die Künstlerinnen Christine Dahrendorf und Annegrete Henke-Reinarz diskutierten über Kulturförderung in der SPD-Reihe „Fraktion vor Ort“.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Zwei Künstlerinnen aus Marburg, Christine Dahrendorf und Annegrete Henke-Reinarz, der Intendant des Hessischen Landestheaters, Matthias Faltz, und Gero Braach, Geschäftsführer des KFZ, nahmen gemeinsam mit den im Berliner Politbetrieb gestählten SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol (Marburg) und Siegmund Ehrmann (Moers) auf dem Podium Platz. Vor ihnen rund 50 Gäste, meist aus der heimischen Kulturszene.

Sie alle waren gekommen, um mehr zu erfahren über die „Herausforderungen und Probleme der Kulturförderung im 21. Jahrhundert“ und insbesondere über Lösungsansätze in Marburg und im Landkreis. Es war ein weitgefasstes Thema, zu dem Siegmund Ehrmann, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, den Berliner Blick beitrug.

9,1 Milliarden Euro gebe der Staat insgesamt pro Jahr für die Kultur aus – 13 Prozent davon der Bund, 43 Prozent die Länder und 44 Prozent die Kommunen. Ehrmann wies auf die Förderprogramme des Bundes hin wie „Kultur macht stark“ oder „Doppelpass“. Es müsse gelingen, sie besser auf ähnliche Programme der Länder abzustimmen. Zudem müsse man Ideen entwickeln, wie es weitergehe, wenn ein Projekt Früchte trage und auslaufe. Besucherin Hilde Rektorschek, Mitgründerin der Marburger Kulturloge, sprach von „hunderten Projekt-Ruinen“.

Freie Künstler kämpfen um die Existenz

Zudem schreckt die „Antragslyrik“ viele Initiativen und ganz besonders Künstlerinnen und Künstler ab, die in der Regel ohne einen eigenen Verwaltungsapparat der EU- und Bundesbürokratie hilflos gegenüberstehen. Selbst gewiefte Antragsteller aus der freien Szene scheitern an den Anforderungen, mit denen Bürokraten die Latte Jahr für Jahr höher legen, wie in der Diskussion deutlich wurde.

Doch wie sieht es im Landkreis aus? „Was muss wo und wie konkret verbessert werden?“, lautete die Fragestellung der von Sören Bartol moderierten Gesprächsrunde. Sehr schnell wurde deutlich, dass die Probleme und Sorgen der Kulturschaffenden erheblich differieren. Christine Dahrendorf und Annegrete Henke-Reinarz machten deutlich, dass freie Künstlerinnen und Künstler permanent um ihre Existenz kämpfen, wenn sie nicht einen Neben- oder Hauptberuf haben, der sie über Wasser hält. Ihnen fehle auch die gesellschaftliche Anerkennung.

Nach dem Aus für das Arbeitsgericht und dem jetzigen Ausstellungs-Stopp in der Gewo-Galerie gibt es in Marburg kaum noch Ausstellungsmöglichkeiten. So weit, so schlecht. Lösungsansätze gab es nicht. Staatliche oder kommunale Einrichtung sehen bildende Künstler als Selbstständige. Und wenn man nicht Gerhard Richter oder Markus Lüppertz heißt, wird von Kunst leben zum Überlebenskampf.

Bartol: Finanzkraft der Kommunen stärken

Etwas anders sieht es beim Landestheater und dem KFZ aus. Reich wird in beiden Einrichtungen niemand, aber beide fühlen sich wertgeschätzt von Stadt und Land. Kaum Klagen also. Der Etat des KFZ wird im Vorfeld des Umzugs in das neue, mit Millionenaufwand hergerichtete Domizil in der Stadthalle deutlich angehoben. Matthias Faltz beklagt allenfalls, dass es keinen richtigen Theaterbau in der Stadt gibt und der Mindestlohn die Beschäftigung von Praktikanten erschwere.

Spannend wurde es in der offenen Diskussion, als Gero Braach angesichts der schwierigen finanziellen Situation vieler Kulturschaffender das „bedingungslose Grundeinkommen“ ins Spiel brachte. Die Idee stieß bei den beiden SPD-Politikern auf wenig Gegenliebe. Die wollen die Finanzkraft der Kommunen stärken – das sei die einzige Chance, so Bartol.

Doch woher soll das Geld kommen? Für Faltz liegt es auf der Hand: Das Geld, das bei wenigen immer mehr werde, müsse umgelenkt werden zu denen, die es brauchten – durch höhere Steuern für Vermögende. Massiv angegriffen wurden die SPD-Politiker von einem Besucher. Er warf der SPD vor, durch die Agenda 2010 zur Verarmung weiter Teile der Bevölkerung beigetragen zu haben – das war dann wieder eine ganz andere Diskussion.

von Uwe Badouin

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