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Anspruchsvoller Stoff - toll verpackt

Momo Anspruchsvoller Stoff - toll verpackt

Zu Weihnachten präsentiert das Hessische Landestheater ein philosophisch sehr anspruchsvolles Stück nach Michael Endes Klassiker „Momo“. Vom Premierenpublikum gab es viel Applaus für eine kluge Inszenierung.

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Nicht einmal mehr ihr Freund Paolo (Mateusz Dopieralski) hat noch Zeit für Momo (Marlene Hoffmann). Er muss in die Spielschule, wo man nur nützliche „Spiele“ lernt.Foto: Christian Buseck

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Was ist uns wirklich wichtig? Das sind zentrale Fragen in Michael Endes Geschichte vom Mädchen Momo und den grauen Herren, die als Zeitdiebe das Leben der Menschen in eine hektische Hölle verwandeln.

Als Michael Ende 1973 seinen Roman nach gut sechs Jahren abschloss, war die Welt noch ein wenig betulicher. Würde er heute auf die blinkenden Werbebanner in den Städten schauen, auf die hektisch rennenden Menschen in den Fußgängerzonen, er sähe sich bestätigt. Aber schon damals traf er mit „Momo“ einen Nerv der Zeit. Seine soziale Utopie erhielt den Deutschen Jugendbuchpreis, wurde in 46 Sprachen übersetzt und weltweit 35 Millionen mal verkauft.

Mit großem Aufwand und einer Fülle von Ideen haben die Regisseurinnen Annette Müller und Oda Zuschneid Endes ebenso visionären wie erschreckenden Kinderbuchklassiker auf die Bühne gebracht. Ausstatter Oliver Kostecka hat ihnen dafür ein großes Amphitheater auf die kleine Bühne des Theaters am Schwanhof gezimmert: Die gesamte Rückwand besteht aus einem großen Bretterzaun mit vielen Türen und Klappen. Mit den vielen Öffnungen fängt er geschickt die Defizite der Bühne auf, die im Gegensatz zur Stadthalle keine theaterüblichen Einrichtungen wie etwa Züge hat, mit denen man Bühnenausstattung herablassen kann. Der große Zaun dient zugleich als Projektionsfläche für Videos, die die beiden Regisseurinnen geschickt einsetzten, um die Geschichte voranzutreiben. Sehr schön gemacht ist etwa die Reise zu Meister Secundus Minutius Hora, dem Herren der Zeit (Johannes Eimermacher).

Darsteller spielen gleich mehrere Rollen

Das Mädchen Momo (Marlene Hoffmann) taucht eines Tages aus dem Untergrund in diesem Amphitheater auf und schließt schnell Freundschaft mit seinen Bewohnern: Da gibt es den gemütlichen Straßenkehrer Beppo (Gerard Skrzypiec), den Friseur Fusi (Tom Bartels), den Wirt Nino (Mateusz Dopieralski), den Fremdenführer Gigi (Artur Molin), das Mädchen Nicola (Nesrin Adloff) und Ninos Frau Liliana (Katrin Hylla). Sie alle sind nett, gelassen, haben Zeit für Momo, für ihre Kinder, für einen Plausch mit Freunden.

Bis die grauen Herren auftauchen und ihnen mit ihrer Zeitsparkasse die Zeit stehlen. Plötzlich ist alle Freundlichkeit weg. Alles und jeder wird dem Gebot der Nützlichkeit unterworfen, selbst das Spiel der Kinder. Eltern spielen nicht mehr mit ihren Kindern, stattdessen gibt es Puppen, Skateboards, Radiorekorder. Wünsche werden in Konsum erstickt. Man muss immer mehr haben, dann langweilt man sich nicht, sagt ein grauer Mann zu Momo. Und langweilt man sich dann doch, dann kauft man eben etwas anderes. Konsum ersetzt Liebe, die Leere wird mit Dingen gefüllt, die man sich kaufen kann, Zeit wird zu Geld in Michael Endes Geschichte. Doch Momo will keine Dinge, sie will Liebe und Zuneigung, sie will mit Freunden spielen und damit erschüttert sie das Gefüge der Zeitdiebe, in deren Welt Muße nicht geduldet wird, in der Träumer und Geschichtenerzähler zu Tagedieben erklärt werden.

Schwere Kost für junge Schüler

Annette Müller und Oda Zuschneid erzählen die Geschichte betont ruhig. Das Thema ist anspruchsvoll genug, die kleinen Zuschauer brauchen Zeit, um die Geschichte auf sich wirken zu lassen. Ihnen ist eine sehr schlüssige Interpretation gelungen, die den Lehrern und den vielen Schulklassen, die das Stück in den kommenden Wochen besuchen werden, jede Menge Diskussionsstoff bieten wird. Fünfjährige sind mit der etwa 80-minütigen Inszenierung ohne Pause aber vermutlich überfordert.

Für die Darsteller und die Requisite hinter den Kulissen bedeutet diese „Momo“-Inszenierung ein Höchstmaß an Konzentration: Bis auf Marlene Hoffmann und Gerard Skrzypiec haben alle Darsteller gleich mehrere Rollen inne, in die sie ständig wechselnd schlüpfen müssen – sie sind mal Wirt, mal Kind, mal Popstar, mal Managerin und vor allem sind sie die bedrohlichen graue Herren. Das Ensemble löst diese Aufgabe einfach großartig.

Alle Schulvorstellungen bis Weihnachten sind ausgebucht. Wer sich mit seinen Kindern ein wenig Zeit ihm Theater gönnen will: Für alle Familienvorstellungen gibt es noch Karten. Gespielt wird Momo in dieser Woche am Samstag und Sonntag jeweils um 16 und 18 Uhr. Weitere Termine unter www.theater-marburg.de

von Uwe Badouin

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