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Anarchischer Theaterspaß

Premiere "Der eingebildete Kranke" Anarchischer Theaterspaß

Was hat das Team um Regisseur Marc Becker genommen? Egal, es hat gewirkt. Sein „eingebildeter Kranker“ ist ein völlig durchgeknallter, kunterbunter Spaß mit aber­witzigen Typen.

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Eine äußerst merkwürdige Gesellschaft: Der Liebhaber Cléante (Daniel Sempf, von links), der eingebildete Kranke Argan (Stefan ­Piskorz), Dr. Diaforius, der Papa, der seinen Sohn so schnell wie möglich loswerden will (Jürgen Helmut Keuchel), Argans Tochter ­Angélique (Lene Dax), die den Sohn unter keinen Umständen will, und der Sohn Thomas (Karlheinz Schmitt), der von allem nur wenig mitbekommt.

Quelle: Killa Schuetze

Marburg. Die Bühne ist schwarz und leer. An den Seiten kleben rote Matratzen in Form eines Pflasters. Das war‘s im Grunde schon. In krassem Gegensatz zur spartanischen Bühneneinrichtung stehen die knallbunten, wunderbar witzigen Kostüme von Sandra Münchow, die mit ihren Rüschen und Tütüs, engen Korsagen und Hosen die überladene Barockmode zur Zeit Molières (1622–1673) karikiert. Die Gesichter der Darsteller sind geradezu clownesk geschminkt.

Bis ins absurde überzeichnete Karikaturen menschlicher Wesen sind auch die Charaktere, die Regisseur Marc Becker dem Marburger Publikum in Molières letzter großer Komödie präsentiert – Moliere spielte 1773 übrigens den Titelhelden selbst und erlitt bei der vierten Vorstellung einen Blutsturz, an dem er kurz darauf starb.

Molière war wohl kein kerngesunder Hypochonder wie sein Held Argan, der in Beckers schriller Version in einem mit Pillen vollgestopften Elektromobil auf die Bühne rollt. Stefan Piskorz leistet in den folgenden 90 Minuten Schwerstarbeit: Er hinkt, schreit, flucht, leidet und furzt, dass es eine wahre Pracht ist. Die mit viel Sinn für derben Humor ausführlich ausgespielten Flatulenzen zeigen, dass die sündhaft teuren Behandlungen und Medikamente seiner Ärzte und Apotheker zumindest akustisch anschlagen. Piskorz ist am Ende seines furiosen Auftritts so schweißgebadet wie mancher Profifußballer nach einem Endspiel.

Inszenierung steckt voller anarchischer Gags

Regisseur Becker muss ein Fan der britischen Anarcho-Komiker von „Monthy Python“ und der legendären US-amerikanischen Truppe „Marx Brothers“ sein. Seine Inszenierung steckt voller anarchischer Gags: Mal liefern sich Argan und sein Bruder Béralde (Jürgen Helmut Keuchel) zu Steppenwolfs „Born to be wild“ ein Elekromobilrennen im Bühnennebel, mal hüpft Karlheinz Schmitt urkomisch im äußerst knappen Tütü als Louise über die Bühne – mit Bart, behaarten Beinen und mit Bändern, die man aus dem Kunstturnen kennt.

Dieser grell-überzeichnete, ziemlich deftige Humor ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber wer ihn mag – und das war eindeutig die Mehrheit des Premierenpublikums im ausverkauften Theater am Schwanhof –, der kommt aus dem Lachen kaum heraus.

Ein Witz jagt den nächsten in dieser Version der mehr als 400 Jahre alten, recht einfach gestrickten Komödie. Das liegt vor allem an dem großartigen Ensemble, das sich mit Verve in jede noch so absurde Situation wirft. Gesten, Mimik und Bewegungen wecken dabei bewusst Assoziationen an die großen Slapstick-Komödien der Stummfilmzeit.

Großartige Schauspieler

Lene Dax ist großartig als Tochter Angélique: „Ich bin so süß. Ich bin so süß. Ich bin so süß“ ruft sie als aufgeregter Teenager dem Publikum entgegen und drückt irgendwelche Quitsch-Gegenstände unter ihrem Mieder. Insa Jebens gibt mitreißend und – entschuldigen Sie den Ausdruck – saukomisch die Dienerin Toinette. Sie ist die Einzige in diesem bunten Figuren-Panoptikum des Irrsinns, die sich ein wenig Vernunft bewahrt zu haben scheint.

Franziska Knetsch ist die böse Stiefmutter, die ihren Mann mit enervierende Quietschestimme zum Popo-Schmusen animiert. Daniel Sempf ist gleich doppelt als Liebhaber zu sehen: Als Notar hält er sich an Argans Frau Béline, als von Bonnefoy hat er ein Auge auf Angelique geworfen. Und beiden möchte man im wirklichen Leben nicht begegnen.

Karlheinz Schmitt ist großartig als grenzdebiler Sohn Thomas, als bereits erwähnte Louise und als Faustus-Verschnitt. Und Jürgen Helmut Keuchel spielt souverän zwei Nebenrollen: Die des geplagten Vaters von Thomas und elenden Arztes Dr. Diafoirus und von Argans Bruder Béralde.

Lachen soll ja bekanntlich gesund sein. Dieser „eingebildete Kranke“ ist ein perfektes Therapeutikum für die kommenden trüben Herbsttage.

  • Weitere Vorstellungen sind morgen Abend sowie am 4.,17., 23. und 25. November sowie am 8. und 14. Dezember.

von Uwe Badouin

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