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Altmeister Wolfe seziert Miami

Neuerscheinung: Back to Blood Altmeister Wolfe seziert Miami

Mit „Fegefeuer der Eitelkeiten“ zeichnete Tom Wolfe in den 80er Jahren ein bissig-prägnantes Bild von New York. Jetzt hat sich der US-Autor die nächste Stadt vorgenommen: Miami. Gnadenlos zerlegt er die Milieus und Eitelkeiten.

Marburg. Miami ist mehr. Sonne, Strand und Party - ja, aber „wenn du Miami wirklich verstehen willst, musst du dir erstmal eine Sache klarmachen“, lässt Tom Wolfe (81) seinen fiktionalen Bürgermeister der Metropole im Südosten der USA sagen. „In Miami hasst jeder jeden.“ Wolfe, dessen 1987 erschienener Debütroman und Weltbestseller «Fegefeuer der Eitelkeiten» als beispielhaftes New York-Buch gilt, hat sich in seiner bissigen Satire nun die zerrissene Einwanderungsgesellschaft in Miami vorgenommen.

„Back to Blood“ lautet der patriotisch und sehr nach Hollywood-Film klingende Titel. Es ist ein Zitat aus Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“, das die Trennung der Ethnien zementierte. Das 700-Seiten-Werk, das in den USA bereits erschienen ist, kommt am Montag auf Deutsch heraus. Und wie in Hollywood legt „Back to Blood»“auch gleich los: Mit einem spektakulären und lebensgefährlichen Stunt rettet der Polizist Nestor Camacho einen kubanischen Flüchtling von einem 20 Meter hohen Schiffsmast in der Bucht vor Miami.

Dem Flüchtling droht daraufhin die Abschiebung, und der selbst kubanisch-stämmige Camacho wird mit seiner Tat in seinem Viertel zum Verräter und gehassten Mann. Als sich dann auch noch seine ebenfalls kubanisch-stämmige Freundin von ihm trennt, ist Camacho ganz unten angekommen.

Herkunft, so macht Wolfe klar, bedeutet in Miami - „der einzigen Stadt der Welt, deren Bevölkerung zu mehr als 50 Prozent aus frisch Eingewanderten besteht“ - alles. Der Altmeister der US-Literaturszene hat für sein Werk akribisch recherchiert. „Diese Stadt ist zerteilt in Nationalitäten, Rassen und ethnische Gruppen.“ Auf dieser Basis werden Jobs, Wohnungen und Respekt vergeben, Freundschaften geschlossen und Rivalitäten besiegelt.

Camacho, der sich unter den wachsamen Augen der lokalen Presse erst mit den Kubanern anlegt und dann auch noch einen schwarzen Drogendealer im Kampfgewirr rassistisch beschimpft, bringt das explosive Gemisch zum Brodeln.

Dabei ist Wolfes Protagonist kein Rassist, sondern eigentlich ein wohlmeinender Polizist. Aber an ihm lässt sich gut die komplexe Struktur des Pulverfasses Miami aufzeigen und die alles überlagernde Oberflächlichkeit, die einmal im Jahr hinter aufgesetzter Kultiviertheit verschwindet. Und zwar immer im Dezember, wenn die Kunstmesse „Art Basel Miami Beach“ wieder Millionen Dollar mit zeitgenössischer Kunst umsetzt. Und Wolfe unterstreicht: „So viele aufregende Dinge in dieser Stadt sind wie die Art Basel. Tief innen drin sind sie komplett unmoralisch.“

Wolfe schafft es, über die meisten der 700 Seiten hin die Spannung zu halten. Auch wenn „Back to Blood“ bisweilen etwas überfrachtet daherkommt, hat Wolfe - der «großartige Multiplikator von Zeiten und Orten», wie ihn die „New York Times“ einmal feierte - einen großen Miami-Roman geschrieben.

Tom Wolfe: „Back to Blood“. Karl Blessing Verlag, 768 Seiten, 24,99 Euro. Der Roman erscheint am 28. Januar.

von Christina Horsten

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