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Alter Bus und künstlerischer Übereifer

Theaterprojekt Alter Bus und künstlerischer Übereifer

„Mobile Albania“ nennt sich ein Diplomprojekt von drei angehenden Gießener Theaterwissenschaftlern der „51-Shows-Group“. Am Wochenende verblüfften sie – mehr oder weniger gewollt – ihr Marburger Publikum.

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Im „Wurmloch“ versuchen Darsteller und Zuschauer gemeinsam, die Zeit zu reparieren.

Quelle: Tobias Bischoff

Marburg. Es ist mehr als eineinhalb Jahre her, dass die drei Gießener Studenten am Fachbereich für angewandte Theaterwissenschaften (ATW), Roland Siegwald, Sarah Günther und Katharina Stephan, die Idee zu ihrem Mitmach-Theaterprogramm mit integrierter Kinovorstellung entwickelten. Beginnend mit Freitagabend wurde das Diplomprojekt „Mobile Albania“ als Ko-Produktion mit dem Hessischen Landestheater Marburg in drei Vorstellungen in der ehemaligen Remise des Hochbauamts dem Marburger Publikum vorgestellt.

Die Vorführung begann überraschend mit einer Filmvorführung im Capitol. Gezeigt wurde ein 30-minütiges Video-Tagebuch, dass die angehenden Theaterwissenschaftler während ihrer vierwöchigen Busreise nach Albanien vergangenes Jahr aufnahmen und während der sie die Idee zu ihrem kunstvollen Theaterprojekt entwickelten.

In der Remise des ehemaligen Hochbauamtes (Universitätsstraße 4), wurde dann der zweite Teil des genre-übergreifenden Theaterstücks vorgeführt.

In mehrere Gruppen unterteilt erforschten die Zuschauer verschiedene Räume, um die Darsteller bei ihrem Versuch zu unterstützen, die aus den Fugen geratene Zeit wieder zu kitten.

Während in einem Raum – dem „Untergrund“ – mithilfe eines Wurmorakels Zitate ausgewählt wurden, hatte die zweite Gruppe im angrenzenden „Wurmloch“, die Aufgabe, diese Zitate sprachlich in ihr Gegenteil zu verkehren. Nach erfolgter „Reparatur“ der Zeit entließen die Darsteller ihr von soviel künstlerischem Eifer schlicht überfahrenes Publikum in einer farbenfrohen Prozession – mit der Bitte, die Ideen und Erlebnisse in die Welt zu tragen.

Denn so lobenswert die Intentionen der Macher, ihren Zuschauern einen bewussteren und behutsameren Umgang mit der eigenen (Lebens-)Zeit zu vermitteln, auch gewesen sein mögen, so unglücklich präsentierte sich die Umsetzung. Wenig bis nichts wurde dem erwartungsvollen Zuschauer explizit erläutert und zu viel Abstraktionsvermögen von ihm verlangt.

Was blieb war eine einmalige Erfahrung und der Respekt vor soviel Aufwand und Hingabe an das Projekt.

Denn abgesehen von den abstrakten und deshalb verblüffend wirkenden Handlungsverläufen lebte „Mobile Albania“ vor allem von den unzählbaren Details und immer wieder unverhofft auftauchenden Sinnesreizen, die es während jeder Phase des Abends zu entdecken galt. Standen dort, über die Innenstadt verteilt, bunt kostümierte Darsteller, surrten hier in die Jahre gekommene Diaprojektoren und warfen ihre Bilder an Wände und entfernte Hausfassaden, oder zeigten handliche Fernsehgeräte persönliche Aufnahmen und alte Filme.

Für die Zukunft hat sich das Gießener Trio – das kommende Woche die Verschriftlichung ihrer Arbeit an der Uni Gießen einreichen wird – noch weitere Projekte in Planung. Eines davon wird beim Theatersommer des Landestheaters zu sehen sein.

von Tobias Bischoff

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