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Als die "Hippies" Marburg eroberten

"Pell Mell" bringt CD-Box raus Als die "Hippies" Marburg eroberten

Die späten 1960er und frühen 1970er waren stürmische Jahre. Studentenbewegung, Flower-Power, Hippies und Rockmusik. Mittendrin: die Marburger Band "Pell Mell".

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Ein klassisches Band-Foto der 70er: Cornelius „Mitch“ Kniesmeijer, Rudolf „Schöni“ Schön und Thomas Schmitt (im Schrank). Das kleine Foto zeigt Thomas Schmitt (von links) „Mitch“, „Schöni“, Jörg Götzfried und Dietrich Justus Noll am WG-Tisch.Fotos: privat

Marburg. Erinnert sich noch jemand an „Pell Mell“, oder an das „Milly Vanilly“. „Pell Mell war eine Zigarettenmarke und das andere eine Band?“, rätseln die jungen Kollegen in der Redaktion.

Die Alten wissen: „Pell Mell“ war eine Marburger Band, die die Deutschrockszene mit ihrer sinfonischen Rockmusik von 1971 bis zur Auflösung 1979 mit geprägt hat. Und das „Milly Vanilly“ war eine, nein DIE Marburger Disco der 70er und 80er am heutigen Elisabeth-Blochmann-Platz. Dort hingen die Bandmitglieder von „Pell Mell“ fast jeden Abend ab, nachdem sie tagsüber „leicht studiert“ hatten, wie Bandchef Thomas Schmitt der OP erzählt.

Sieben Alben hat Schmitt von 71 bis 79 mit wechselnden Besetzungen eingespielt - fünf mit „Pell Mell“, zwei mit „Skyrider“. Sie alle sind jetzt von der Plattenfirma MIG in einer schönen 4er-CD-Box herausgebracht worden. Das Cover ziert die berühmte Marburg-Ansicht von Merian aus dem 16. Jahrhundert.

Verschlafenes Städtchen

In den frühen 70er Jahren ist Marburg eine äußerst beschauliche, wenn nicht verschlafene Stadt mit knapp 47000 Einwohnern. Schon damals prägt die Studenten das Leben. Rund 10000 studieren an der altehrwürdigen Philipps-Universität - und sie begehren plötzlich auf, wie an vielen anderen Universitäten in Frankreich und Deutschland: Marburg gilt als „rote Universität“, nicht zuletzt wegen der großen Anziehungskraft, die der marxistische Politologe Wolfgang Abendroth auf Studierende ausübt. „Die 68er“ wird ein feststehender Begriff - ebenso wie „Hippies“ für Männer, die ihre Haare lang wachsen lassen. Er ist nicht immer freundlich gemeint.

Es ist die Zeit, in der Thomas Schmitt nach Marburg kommt, um Jura zu studieren. „Damals ging es hoch her an der Uni“, erinnert er sich. In den Seminaren wird diskutiert. Vehement werden Argumente im dichten Zigarettenqualm ausgetauscht.

Studenten hören Led Zeppelin, Deep Purple, Simon & Garfunkel, die Beatles oder Pink Floyd. Die deutschen Stars heißen Roy Black, Bata Illic und Tony Marshall.

In dieser Zeit der Experimente, des rebellischen Widerstands gegen den „Muff aus tausend Jahren“, findet der klassisch ausgebildete Geiger und Pianist Thomas Schmitt in der kleinen Marburger Szene schnell Musiker. Genau wie er träumen sie vom großen Wurf; von Konzerten auf großen Bühnen.

„Wir hatten einfach Glück“

„Pell Mell“ nennen sie sich - und: „Wir hatten einfach Glück“, meint der heute 63-jährige Schmitt, der sein Jura-Studium abgeschlossen hat und inzwischen seine Brötchen mit Häusern verdient: Er lässt bauen, überall in der Welt.

Damals aber schlug sein Herz im Takt der Musik: „Pell Mell“ gewinnt 1970 einen Wettbewerb in Wiesbaden und damit eine Plattenaufnahme. Doch es gibt Zoff: Die Gitarrenfraktion der Band will Musik à la „Cream“, Schmitt will Classic-Rock mit seiner Geige im Zentrum, der sich eher an „Yes“ oder „Ekseption“ orientiert. Schmitt setzt sich durch, die „Cream“-Fraktion geht, neue Musiker kommen. „Pell Mell“ bringt 1971 die Debüt-LP „Marburg“ heraus - die Songs sind - wie damals üblich - acht oder neun Minuten lang.

Die Musik ist neu, überraschend und kommt gut an. Es folgen die Alben „Rhapsody“ (1975), „From the new World“ und „Only a Star“ (1976), „Moldau“ (1981) und zwei „Skyrider“-Alben (1980 und 1982). Mit dabei sind in unterschiedlichsten Besetzungen unter anderem Ralf Lippmann, Hans Otto Pusch, Dietrich T. Noll, Rudolf Schön oder Cherry Hochdörfer, Musiker, die der Marburger Szene eng verbunden sind.

„Wir sind relativ schnell auch außerhalb Marburgs bekanntgeworden“, sagt Schmitt. „Pell Mell“ füllt mit ihrer sinfonischen Rockmusik auch große Hallen, spielt in den bekannten Berliner und Hamburger Klubs und in Jugendzentren überall in Deutschland. Möglichst in Städten, die man an einem Tag erreichen kann. „Es war die harte Nummer“, sagt Schmitt: morgens früh wurde der Mercedes-Band-Bus beladen, am Nachmittag wurde aufgebaut, bis 23 Uhr gespielt, danach zusammengepackt und zurück - es sei denn, man hatte mehrere Auftritte an einem Ort. 1972 oder 73, so genau erinnert sich Schmitt nicht mehr, sind die „Skorpions“ bei einem Festival in Braunschweig Vorband der Marburger „Pell Mell“. „Es war die ganze Zeit Krach. Plötzlich fingen wir an mit Smetanatas Moldau. Wir haben eine halbe Stunde gebraucht, um die Leute wieder runterzuholen“, schmunzelt Schmitt.

Neue deutsche Welle

Die Musik von „Pell Mell“ verlangt Konzentration von den Musikern und Zuhörern. „Kopfmusik“, nennt Schmitt es, der nahezu alle Songs von „Pell Mell“ komponierte oder arrangierte.

1979 löst sich die Band auf. „Die deutsche Welle kam mit ,Trio‘ und ,Goldener Reiter‘ und wir wollten uns nicht zum Affen machen“, sagt Schmitt. „Wir hatten es auch nicht nötig, unbedingt weiterzumachen, wir mussten nicht von der Musik leben: Alle hatten Berufe gelernt.“ Heute sind die Musiker von damals Rechtsanwälte, Ärzte oder wie Hans-Otto Pusch, Unternehmer.

Und jetzt gut 30 Jahre nach dem Ende der Band hält er die CD-Box in den Händen und zieht ganz frische CDs aus der Tasche: Auch im fernen Japan wird „Pell Mell“ wieder gehört.

„Es ist doch toll, wenn man sieht, dass nicht alles umsonst war, was man gemacht hat. Man fühlt sich plötzlich wieder als Rockstar“, lacht Schmitt. Geige allerdings kann er nicht mehr spielen, dafür sind die Finger zu steif. Und eine Neuauflage von „Pell Mell“ ist auch ausgeschlossen. Also bleibt den alten Fans nur die neue Box.

Fans bekommen die „Pell Mell“-Box über Amazon oder telefonisch unter 0171/5464993

von Uwe Badouin

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