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Als die Bilder das Laufen lernten

100 Jahre Kino in Marburg Als die Bilder das Laufen lernten

Seit 100 Jahren macht die Familie Closmann in Marburg Kino. Inzwischen in der vierten Generation. Am Wochenende wird das Juiläum gefeiert. Grund genug für einen Blick zurück in eine bewegte Kinozeit

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Marburg . "Ich mache keine Filme. Ich mache Kino“, sagte der französische Regisseur Jean-Luc Godard einmal. Godard arbeitete für die große Leinwand, nicht für den „Flimmerkasten“ im Wohnzimmer, die große Konkurrenz des Kinos. Kino, die große Leinwand – das ist bis heute auch der Traum vieler Schauspieler. Und nicht umsonst nennt man Hollywood die „Traumfabrik“.
Kino macht auch die Marburger Familie Closmann – und das seit inzwischen 100 Jahren: Glamour und Glitzer, Action und Komödien locken heute jährlich rund 700 000 Menschen in einen der insgesamt 14 Kinosäle im Cineplex, im Capitol-Center und in die Filmkunsttheater am Steinweg.

Bewegte Bilder gibt es seit den 1890er Jahren: In Manhattan, Paris und Berlin sahen Menschen  staunend erstmals ein rennendes Pferd oder einen tanzenden Menschen im Bild. Die bewegten Bilder blieben lange Zeit den Schaubuden der Jahrmärkte vorbehalten, waren eine interessante Volksbelustigung, die verblüffend früh die kleine Provinz- und Universitätsstadt Marburg erreichte. Schon am 13. Dezember 1896  hatte Marburg im „Saalbau“ in der Gutenbergstraße eine neue Attraktion: einen Kinematographen.
Von einem klassischen Kino im heutigen Sinn, von echten Filmen mit Geschichten kann keine Rede sein. Doch die Faszination, die das neue Medium ausübte, war groß. Wanderbühnen kamen und gingen, ebenso Lichtspielstätten. Sie brannten oft ab. Das Filmmaterial – hauchdünnes Zelluloid – war extrem feuergefährlich: Das 1908 eröffnet „Central Theater“ in der Barfüßerstraße wurde 1911 ein Raub der Flammen,  ein Jahr später brannte das „Biophon Theater“ im Barfüßertor 8.
Gerhard und seine Tochter Marion Closmann feiern am 14. und 15. September 100 Jahre Kinofamilie Closmann – was im Grunde nahezu gleichbedeutend ist mit 100 Jahre Kino in Marburg. Gerhard Closmanns Großvater Josef erkannte trotz Kinderkrankheiten, trotz der Probleme mit Feuer und Behörden früh das Potenzial des noch jungen Mediums. Im September 1913 wurde er Geschäftsführer der „Lichtspiele Marburg“ in der Bahnhofstraße, dem ersten Haus, das man als Kino bezeichnen könnte. Und er  legte damit den Grundstein für die Marburger „Kino-Dynastie“.
D. W. Griffith drehte ein Jahr später „Die Geburt einer Nation“, den erfolgreichsten Film der Stummfilmgeschichte, Charlie Chaplin wurde ein Weltstar.
Nach dem Ersten Weltkrieg baute Josef Closmann das Café Quentin am Steinweg 4 zu den „Kammerlichtspielen“ aus. Der Kinogründer eröffnete und schloss immer wieder Kinos wie das Union-Theater am Pilgrimstein, die Kammerlichtspiele am Steinweg, die „Zentral Lichtspiele“ in der heutigen Gutenbergstraße. Er gab aber nicht auf, wie manch anderer in dieser bewegten Zeit.
1928 eröffnet er das Capitol in der Biegenstraße. „Es fasste rund 800 Zuschauer und hatte einen richtigen Orchestergraben“, erinnert sich der Enkel und heutige Firmenchef Gerhard Closmann. Das Capitol setzte neue Maßstäbe, war auf der Höhe seiner Zeit. Gespielt wurden internationale Produktionen.

Erster Tonfilm mit Marlene Dietrich

Es war die große Zeit des Stummfilms: Fritz Lang hatte ein Jahr zuvor mit „Metropolis“ Filmgeschichte geschrieben. Doch kaum eröffnet, war der Orchestergraben auch schon fast überflüssig: 1930 lief im Capitol „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich. Es war der erste Tonfilm in dem Marburger Kino. Wieder ganz neu, wieder waren die Menschen hingerissen – mit Ausnahme der Musiker.

Ein alter Projektor im Cineplex Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

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„Die Spannung war riesengroß. Niemand wusste, ob das Nadelton-Verfahren bei jeder Aufführung richtig klappte“, zitierte die Oberhessische Presse Käthe Closmann. Heute wissen wir: Der Tonfilm hat sich durchgesetzt.
Für die Musiker war es eine Katastrophe: Der Deutsche Musiker-Verband protestierte 1929, dem Jahr, in dem der erste Oscar verliehen wurde, gegen „die große Lüge des Tonfilms“: „Der Tonfilm allein geboten verdirbt Gehör und Augen. Der Tonfilm ohne Beiprogramm mit lebenden Künstlern wirkt nervenzerrüttend. Fordert Bühnenschau. Fordert lebendes Orchester!“ Heute schmunzeln wir darüber. Damals wurden viele Musiker arbeitslos oder mussten auf eine wichtige Einnahmequelle verzichten.
Am 1. Mai 1933 übernahm Hermann Closmann das „Capitol“ von seinem Vater und das Gloria in der Gutenbergstraße. Hermann Closmann fiel 1945 – für seine Frau Käthe und die beiden Kinder Gerhard und Anneliese begann eine schwierige Zeit, zumal das Capitol und das Gloria-Theater von den Amerikanern beschlagnahmt und erst 1948 und 1949 wieder freigegeben wurden. Wieder eröffnet wurde das renovierte Capitol am 18. Januar 1949 von Käthe Closmann mit der Heinz-Rühmann-Komödie „Die kupferne Hochzeit“.

Lange Schlangen vorm Rex

Nur vier Jahre später begann Käthe Clossmann gemeinsam mit Wilhelm Bröning mit dem Bau des „Rex“ in der Schwanallee. Am 19. November 1953 wurde das damals modernste Kino Marburgs eröffnet: Es konnte das neue Cinema-Scope-Format abspielen. Fortan liefen die großen Filme in dem 650 Plätze fassenden Kino. „Das Rex-Filmtheater verspricht nach seiner Fertigstellung ein äußerst repräsentativer Bau zu werden“, schrieb die Oberhessische Presse am 19. September 1953.
„Hier sitzt es sich gut“, stellte die OP nach der Eröffnung fest: Der Abstand von Stuhl zu Stuhl betrug 90 Zentimeter, das „höfliche“ Foyer  sei sehr geschmackvoll eingerichtet. Ach ja: Zur Eröffnung wurde der heute vergessene Musikfilm „Du bist die Welt für mich“ gezeigt.
57 Jahre lang war das „Rex“ das populärste Kino in Marburg, mit einer ebenso freundlichen wie strengen Aufsicht: Anna Hittinger war die Seele des Kinos, saß über 40 Jahre lang bis ins hohe Alter von über 80 Jahren am Einlass – vordrängeln gab es bei ihr nicht. Dort liefen die großen Filme aus Hollywood. Heute nennt man diese Großproduktionen neudeutsch  „Blockbuster“. Viele Marburger erinnern sich bis heute wehmütig an das Kino mit seinen Logen und breiten Sitzen. Lange Schlangen bis in die Schwanallee hinein waren damals normal.
1964 stieg Gerhard Closmann in die Geschäftsführung des Unternehmens ein. Er baute die Marburger Kinolandschaft zielstrebig aus: Mit dem Klassiker „Irma la Douce“ eröffnete er am 18. Dezember 1969 das „Studio“ im heutigen Capitol-Center. Dort folgten bis 1993 das „Cinema“ und „City“, das heutige „Edison“. In der Schwanallee wurde das „Rex“ um das „Movie“ erweitert – und das trotz „Kinokrise“. Denn das Kino litt
seit den späten 1960er Jahren

unter der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens. Die Folge: Lange vor dem „Waldsterben“ war in Deutschland vom „Kinosterben“ die Rede. Viele Kinobesitzer wandelten ihre großen Säle in Schachtelkinos um – anders Gerhard Closmann: „Wir haben nie Kinos zu Schachtelkinos verkleinert, wir haben die Zahl der Säle immer durch Anbauten vergrößert“, betont der Kinounternehmer, der die Firma heute gemeinsam mit seiner Tochter Marion leitet. Am 1. Januar 1986 übernahm Gerhard Closmann gemeinsam mit Hubert Hetsch die Filmkunsttheater Kammer, Palette und Atelier am Steinweg.
Jede Generation der Marburger Kinofamilie Closmann hat stets mindestens ein Kino gebaut, das zu seiner Zeit den modernsten Standard bot: Am 23. November 2000 eröffneten Marion und Gerhard Closmann nach langen Auseinandersetzungen und äußerst schwierigen  Verhandlungen das Cineplex im Herzen der Stadt. Es ist bis heute ein Besuchermagnet, der Taktgeber für Marburgs neue
Mitte.

Eine Zahl mag dies belegen: Am 6. August 2009 wurde der fünfmillionste Besucher im Cineplex gezählt. Die Entscheidung, das Großkino mitten in der Stadt und nicht wie andernorts auf der grünen Wiese zu eröffnen, erwies sich als Glücksfall für die Innenstadt. Heute sind im Umfeld des Kinos zahlreiche Bars, Kneipen und Restaurants entstanden, die von den rund 600 000 Kinobesuchern profitieren, die pro Jahr einen der sieben Säle des Cineplex ansteuern.
Selbstverständlich ist heute überall High-Tech verbaut: Alle Marburger Kinos sind mit digitalen Projektoren ausgestattet, 3-D-Filme sind in Marburg seit „Ice Age 3“ im Jahr 2009 Standard, Saal 4 des Cineplex hat zudem eine ganz besondere Ausstattung – eine 4-K-Auflösung statt 2-K. Und selbst die neueste HFR-Technik mit 48 statt 24 Bildern pro Sekunde konnten die Marburger in „Der Hobbit 1“ bewundern.

Die Liebe zum Fil ist ungebrochen

Sechs  Satellitenschüsseln auf dem Dach des Cineplex holen Großereignisse wie Opern aus der Metropolitan Opera in New York oder große Konzerte live auf die Leinwand. Um zukunftsfähig zu bleiben, investieren Gerhard und Marion Closmann, die 2000 mit Eröffnung des Cineplex in die Geschäftsführung einstieg, ständig in neue Techniken: Einen Kinosaal zu digitalisieren kostet rund 100 000 Euro.
„Das Cineplex hat die Kinoarbeit in einer Art und Weise intensiviert, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten“, sagt Gerhard Closmann. Computertechnik, IT-Spezialisten, das Internet, der elektronische Zahlungsverkehr, all das ist neu. Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Beschäftigten des Unternehmens, das  sich mit 53 anderen mittelständischen Kinounternehmern zur Kinogruppe Cineplex zusammengeschlossen hat: 30 Festangestellte und rund 80 Aushilfen arbeiten jetzt für das Cineplex und die anderen Kinos.  Das Unternehmen ist zwar stetig gewachsen – geblieben aber ist die Liebe zum Film und zum Kino.

Die Ausstellung

  • Am Samstag, 14. September, wird um 14.30 Uhr im Cineplex die Ausstellung „Illusion – Vision – Tradition. 100 Jahre Kinofamilie Closmann“ eröffnet.
  • Die „kinohistorische Ausstellung“ ist dort bis zum 3. Oktober zu sehen. Erarbeitet wurde die Ausstellung von einem Seminar am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität.
  • Unter der Leitung der Medienwissenschaftlerin Birgit Peulings haben sich acht Studierende mit der Kinogeschichte der Familie Closmann befasst.
  • Biografische Porträts der vier Generationen der Familie und Plakate zu den Marburger Spielstätten sollen einen Einblick in die Marburger Kinokulturgeschichte geben. Daneben präsentiert die Ausstellung alte Filmprojektoren aus verschiedenen Kino-Epochen seit den 1930er Jahren, die normalerweise nur in Kino- oder Filmmuseen zu sehen sind. 
  • Wer will, darf in einem alten Kinosessel Platz nehmen und kann unmittelbar vergleichen, wie bequem oder unbequem  sie aus heutiger Sicht sind. Daneben erinnert die Ausstellung an viele prominente Gäste aus der Kinoszene, die in den vergangenen 100 Jahren Gast der Familie Closmann und ihrer Kinos waren.

Das Programm

  • „100 Jahre sind kein Pappenstiel“ meint die Kinofamilie Closmann und feiert am Samstag und Sonntag, 14. und 15. September das Firmenjubiläum. Am Samstag ist ab 14.30 Uhr im Cineplex der Klassiker „Der blaue Engel“ zu sehen. Der Film von Josef von Sternberg mit Marlene Dietrich und Emil Jannings in den Hauptrollen, war 1930 der erste Tonfilm, der in Marburg gezeigt wurde.
  • Am Sonntag, 15. September, gibt es einen Leckerbissen für Cineasten: Ab 19.30 Uhr sind im Cineplex Kurzfilme von Charlie Chaplin zu sehen: Oliver Rohrbeck, die deutsche Stimme von Ben Stiller, Helmut Krauss, die „Stimme“ von Marlon Brando und Samuel L. Jackson, und Katrin Fröhlich, die „Stimme“ von Cameron Diaz und Gwyneth Paltrow, vertonen die Stummfilme live gemeinsam mit dem Pianisten Frank Ertel und dem Geräuschemacher  Jörg Klinkenberg.

Uwe Badouin

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