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Als Europa in die Hölle stürzte

OP-Buchtipp: Ian Kershaw: „Höllensturz“ Als Europa in die Hölle stürzte

Millionen Tote, Zerstörung und Wiederaufstieg – im 20. Jahrhundert ging Europa durch die Hölle. Ian Kershaw beschreibt diese Epoche in einer atemberaubenden Chronologie.

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Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad. Die Schlacht an der Wolga war eine der schlimmsten in der Epoche des „Höllensturzes“, den der Historiker Ian Kershaw beschreibt

Quelle: Archiv

Wenn in fünfzig, hundert Jahren Historiker auf Europa blicken – was werden sie sehen? Welches Bild wird sich den Menschen bieten, wenn sie das 20. Jahrhundert aus der zeitlichen Distanz betrachten, wie wir heute etwa auf die Französische Revolution schauen? Der Historiker Ian Kershaw (73) hat schon jetzt auf die Geschichte des Kontinents wie durch ein Fernglas geblickt.

Zwei Weltkriege, eine von Extremen erschütterte Zwischenkriegszeit, die totale Zerstörung und der Wiederaufstieg aus den Aschen – in seinem neuen Buch „Höllensturz“ zeichnet der Brite das atemberaubende Panorama einer Epoche mit der Detailliebe des Wissenschaftlers und der empathischen Teilnahme des Zeitgenossen nach.

Mit seiner zweibändigen Biografie Adolf Hitlers hat Kershaw schon ein Schlüsselwerk zum Verständnis des Nationalsozialismus vorgelegt, 2011 beschrieb er in „Das Ende“ den Untergang des „Dritten Reichs“.

Jetzt weitet der inzwischen emeritierte Professor der Universität Sheffield seinen Fokus. In dem ersten der auf zwei Bände angelegten Darstellung des Jahrhunderts schlägt der ungemein produktive Historiker auf fast 800 Seiten einen Bogen von den „Goldenen Jahren“ vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zum Beginn des Atomzeitalters und des Kalten Krieges 1949.

Gleich zu Beginn warnt Kershaw ( Foto: Arno Burgi) die Leser vor allzu hohen Erwartungen auf neue Erkenntnisse und verweist auf die Detailarbeit von Kollegen. Doch mit seinem Gesamtblick auf den „Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts“ leistet Kershaw einen originären Beitrag zum Verständnis einer Epoche. Der Niedergang Europas im Faschismus und Nationalsozialismus und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, das macht Kershaw deutlich, lassen sich ohne eine Darstellung der Ereignisse in den 30 Jahren zuvor nicht verstehen.

Dabei geht er chronologisch vor, betrachtet nicht nur die Hauptakteure des Ersten und Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Nebenschauplätze. Das Aufkommen autoritärer Regierungen etwa in Polen oder Rumänien, der Aufstieg Mussolinis in Italien oder der Sieg des Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg versteht Kershaw auch als Vorboten der kommenden Katastrophe.

Modernität und Rückschritt nah beieinander

Dabei hatte das Jahrhundert so vielversprechend begonnen. Eine Ära der Stabilität schien anzubrechen. Die Pariser Bourgeoisie feierte sich in der „Belle Époque“, Berlin strotzte vor Innovationskraft, die Briten ernteten die Früchte von Kapitalismus und Kolonialismus. Zwar forderten die sozialistischen Bewegungen eine Teilhabe am Reichtum. Doch sie rüttelten nicht an den Grundfesten des Systems.

Es ist aber auch die Zeit, in der sich Antisemitismus und Eugenik, völkische Gesinnung und Nationalismus als neue ideologische Triebkräfte andeuten. Diese Tiefenströmungen werden nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage Deutschlands ihre ganze zerstörerische Kraft entfalten. Modernität und Rückschritt, das macht Kershaw deutlich, liegen in Europa gefährlich nahe.

Aber nein, nicht „hineingeschlittert“ sei Europa in den Ersten Weltkrieg, wie es der britische Premierminister David Lloyd George behauptete. Kershaw deutet hier einen Dissens mit seinem Kollegen Christopher Clark und seiner These der europäischen „Schlafwandler“ an. Hauptauslöser des Krieges sei das Streben der Deutschen nach einem Platz im europäischen Machtgefüge gewesen.

Ein Plädoyer gegen den Brexit

Dieser Krieg verändert Europa von der Wurzel an. Zwar schweigen 1918 die Waffen, aber: „Die Abrechnung sollte bald beginnen.“ Denn was da kommt, ist kein Frieden. „Es ist ein Waffenstillstand auf zwanzig Jahre“, wie der oberste französische Kommandant, Marschall Ferdinand Foch, hellsichtig ahnt.

Aus dem Krieg kommen verkrüppelte und seelisch beschädigte Männer nach Hause. Das Gemetzel an der Front macht viele Überlebende zu Pazifisten, andere werden radikalisiert. Vor allem in Deutschland. Doch falls die Europäer dachten, der Erste Krieg sei die Hölle auf Erden gewesen, so müssen sie lernen, dass es noch schlimmer kommen würde. Allein in Europa sterben von 1939 bis 1945 fast 50 Millionen Menschen, mehr als viermal so viele wie im Ersten Weltkrieg. Allein 25 Millionen Tote beklagt die Sowjetunion.

Europa war 30 Jahre lang entschlossen, sich zu zerstören. Mit dem zweiten Frieden blicken die Europäer fassungslos zurück, erst langsam erkennen sie das Ausmaß der Vernichtung. In dieser Erkenntnis wird der Grundstein für eine bessere zweite Hälfte gelegt. Am Ende erweist sich Kershaws Blick in den Abgrund als Plädoyer gegen den „Brexit“.

  • Ian Kershaw: „Höllensturz – Europa 1914 bis 1949“. Deutsche Verlags-Anstalt, 764 Seiten, 34,99 Euro.

von Esteban Engel

 
 
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