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Als Detektiv an dunklen Orten der Stadt

Spannendes Theaterprojekt: Money Talks Als Detektiv an dunklen Orten der Stadt

Das Hessische Landestheater sucht händeringend nach weiteren Terminen für die faszinierende Theaterperformance "Money Talks - über Geld spricht man nicht": Das Kollektiv "Arty Choky" macht aus den Besuchern Detektive: Alle bisher terminierten "Vorstellungen" sind ausverkauft.

Marburg. Eine junge, schlicht schwarz gekleidete Frau (Sophie Osburg) in hochhackigen Schuhen führt mich im Welcome-Hotel in Zimmer Nummer 426. Das sei mein Zimmer, sagt sie. Auf dem Bett steht eine Schreibmaschine, es liegen Bücher und leere Schnapsflaschen herum. Über dem Schreibtisch kleben Bilder, Notizen und Zeitungsausschnitte.

Die Frau gibt mir einen olivgrünen Trenchcoat und einen schwarzen Hut, die ich anziehe, und fordert mich auf, mich aufs Bett zu legen. „Mit Mantel und Schuhen?“ Sie versichert mir, das sei in Ordnung und verlässt den Raum, während ich den ersten Audiotrack auf dem MP3-Player einschalte.

Ich höre den inneren Monolog von Spencer Lux (Jürgen Keuchel), der verkatert erwacht und die Erinnerung an die letzte Nacht verloren hat. Es riecht nach Zigaretten aus dem Aschenbecher neben mir. Raucher bin ich also auch.

Plötzlich klingelt das Telefon. Einen Moment bin ich unsicher, ob nur auf dem Audioguide oder ob das schwarze Telefon mit Wählscheibe tatsächlich klingelt. Ich gehe zum Nachttisch und nehme den Hörer aus der Gabel. Eine Frauenstimme spricht zu mir. Alles, was ich mir merken kann, ist, dass ich einen Mann verfolgen soll, der gleich die Villa Biedermeier verlassen wird und dass unter der Tür eine Wegbeschreibung hindurchgeschoben wurde.

Das ist der Beginn einer Spurensuche durch Marburg, mit Motiven des Film noir und dazu passendem Soundtrack. Sie wird als Mischung aus „immersive theatre“ und „audiowalk“ bezeichnet. Das Performancekollektiv „Arty Chock“, das sich vor einigen Jahren aus Frankfurter Studierenden des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften gegründet hat, veranstaltet die Performance in Kooperation mit dem Hessischen Landestheater Marburg.

Einsame Spurensuche quer durch Marburg

Diese Spurensuche zeigt mir die vertraute Stadt in gänzlich anderem Licht. Als ich am „Schwarzen Wasser“, einem Nebenarm der Lahn vorbeilaufe, sagt der Detektiv in meinem Ohr, er habe darin schon viele untergehen sehen. Der Weg führt mich in dunkle Ecken und Orte der Halbwelt. Ich treffe skurrile Figuren, die mich kennen, mich erwarten. Aus ihren Augen spricht die Überzeugung, dass ich Spencer Lux bin. Nur ich habe da noch so meine Zweifel.

Nachdem ich mich von Moneten-Schollie (Robert Groos), dem Mann aus der Villa Biedermeier, getrennt habe, halte ich im Pilgrimstein Ausschau nach meiner nächsten Kontaktperson. Kommt eigentlich nur einer in Frage, ein Mann, der im Eingang des Porno-Filmverleihs lehnt (Tim Schuster). Ich grinse ihn unsicher an: „Warten Sie vielleicht auf mich?“ Er trägt eine Sonnenbrille und will mir „heißen Scheiß“ aufschwatzen.

Ich bin verwirrt, geht es um Drogen? Gehört er überhaupt zu der Fiktion dazu? Ich lasse mich von ihm in den Pornofilm-Verleih locken. Ich soll mich umschauen, sagt er. Er spricht davon, dass Geschäfte über gewaltige Summen oft in Stripclubs oder Bordellen abgeschlossen werden. Er wirkt so überzeugend und scheint ernst zu meinen, worüber er da philosophiert. Erst als er mich nach einem Erkennungszeichen fragt, weiß ich endlich, dass er wirklich Teil der Fiktion ist. Er führt mich zu einer Box, in der man sich Pornofilme ansehen kann, stellt mir einen Film ein und schließt die Tür. Zögerlich setze ich mich. Doch was läuft, ist kein Pornofilm, sondern ein Film über die Gemeinschaft der Ungläubigen.

Fiktion verschwimmt mit der Realität

Gute zwei Stunden wandle ich wie im Traum. Von verschiedenen Kontaktmännern und -frauen bekomme ich bruchstückhaft Informationen. Ich spiele mit, so gut ich kann, merke mir ein Codewort, ergänze ihre Sätze. Die Figuren berühren mich, nehmen mich am Arm oder legen ihre Hand auf meine. Ich bin physisch anwesend in einer Fiktion, die so mit der Realität verschwimmt. Die Kontaktpersonen reden mit mir über Geld, wissenschaftliche und philosophische Elemente vermischen sich mit Verschwörungstheorien. Sie sagen, dass das Geld aus dem Nichts geschaffen wurde und ein Eigenleben entwickelt hat, sich selbst zu Gott machen möchte und sich seine Opfer suche, denn „damit alle dran glauben, müssen einige dran glauben.“

In der Cavete treffe ich eine Frau, Aimée d‘Argent (Julia Schade), die davon spricht, die letzte Nacht mit mir verbracht zu haben. Dass ich unter meinem Trenchcoat selbst eine Frau bin, scheint sie nicht zu irritieren. Für sie bin ich Spencer Lux und sie erzählt mir von einer Art Geldsekte, der Gemeinschaft der Ungläubigen, die nicht an das Geld glauben. Denn das Geld ist für sie Fiktion. Während sie mich einen „einsamen Wolf“ und ein „frei flottierendes Individuum“ nennt, sehe ich sie mit großen Augen an – ich stehe am Rande einer Reizüberflutung.

Zum Glück fasst meine innere Stimme im Ohr nach solchen Begegnungen noch mal zusammen, was ich gehört habe. Sie hat einen Auftrag für mich, ich soll mehr über die Gemeinschaft der Ungläubigen herausfinden. Als ich mich später auf die Rosenskulptur vor dem Gebäude der Deutschen Vermögensberatung zu bewege, um dort meinen nächsten Kontaktmann zu treffen, spricht mich jemand (Leon David Gabriel) aus einem haltenden Wagen an: „Spencer Lux?“ Ich steige ein, muss eine Art Schlafbrille aufsetzen, sodass ich nicht sehe, wohin wir fahren. Auf der Fahrt erklärt er mir, dass ich selbst zur Marionette von Aimée d‘Argent geworden bin, der Femme fatale, der ich vertraut habe...

Wie der Spaziergang endet, wird nicht verraten, für alle, die einen Termin für die noch kommenden Spaziergänge ergattern konnten. Auf dem Rückweg sehe ich zwei, die so aussehen wie ich bis vor Kurzem. Im Viertelstundentakt kommen sie des Wegs.

Die Performances am 12. und 13. April sind bereits ausgebucht. „Wir bemühen uns um weitere Termine, das Interesse ist sehr groß“, sagt Miriam Kaufmann vom Hessischen Landestheater. das Problem: 18 Mitwirkende müssen unter einen Hut gebracht werden. Sollte es weitere Termine geben, werden wir sie umgehend veröffentlichen.

von Freya Altmüller

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