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Alle sahen die Warnsignale

Theater am Schwanhof: „Love is a Losing Game“ Alle sahen die Warnsignale

Franziska Knetsch hat das schwarze gegen das blonde Vogelnest getauscht und nimmt in „Love is a Losing Game“ eher die Beobachterrolle ein, 
als Amy Winehouse 
zu spielen.

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Franziska Knetsch mit ihrem Gitarristen Michal Bandac in einer Szene von „Amy – Love is a Losing Game“.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. „Eigentlich hat sie ja nur ihr Leben aufgeschrieben, das war mir bisher gar nicht so bewusst“, sagt eine Premierenbesucherin beim Verlassen des Theaters am Schwanhof. Exakt.

Kaum eine andere Sängerin hat so ausschließlich ihr Innerstes nach außen gekehrt und ihre kaputte Existenz, ihre Verletzlichkeit vor einem Millionenpublikum ausgebreitet wie Amy Jade Winehouse. Warum alle die Warnsignale sahen und niemand etwas tat, um die Tragödie zu stoppen, die zum Tod Amys mit mehr als vier Promille Alkohol im Blut am 23. Juli 2011 führte?

Eine zentrale Frage, die Franziska Knetsch in ihrer Produktion „Love is a Losing Game“ beschäftigt. Die Schauspielerin hat bewusst darauf verzichtet, ihre Produktion auf eine Nummernrevue zu reduzieren, um zu vermeiden, dass „Rehab“ als Feelgood-Song rüberkommt und das Publikum bei „Back to Black“ am Ende noch launig mitschnippt.

Eine intensive, kritisch-melancholische Hommage an den unglücklichen Pop-Paradies­vogel mit der Vogelnestfrisur ist Franziska Knetsch sowie ihren Musikern Michal Bandac (Gitarre, Keyboard) und Heiko Rupp (Percussion) gelungen, die vom Premierenpublikum in der ausverkauften Black Box stürmisch gefeiert wurden.

Barkeeper kommt mit den Nachschenken nicht nach

Wenn sie nicht singt – und das tut sie mit gewohnt großer Hingabe und viel Verständnis für Amys vertrackte Art der Phrasierung –, liest Franziska Knetsch kurze Passagen aus Winehouse-Biografien oder tritt mit ihr über eingespielte Interview- und ­Doku-Momente in den Dialog.

So schnell, wie sie dabei die Gläser leert, kann Barkeeper Rupp oft gar nicht nachschenken. Ja, der Suff. Der Suff und all die anderen Drogen, die Amy Winehouse in sich hineinschüttete, um ihren Schmerz zu betäuben, die Demütigungen auszublenden, die die in ihrem Leben wichtigen Männer ihr zufügten: Vater Mitch, der die Familie verließ und erst wieder unrühmlich in Erscheinung treten sollte, als seine Tochter schon mit mehr als einem Bein im Grab stand.

„Freund“ und Ehemann Blake Fielder-Civil, der sich erfolglos mit Amy von einer Entziehungskur zur nächsten schleppte und sie schließlich nach Knast und kaltem Entzug links liegen lassen sollte.

Franziska Knetsch stellt das alles locker moderierend in den Raum, mit leiser Ironie, jedoch ohne offen Urteile zu fällen. Das ist weise, denn letztlich geht‘s hier um Musik. Um ein zugegebenermaßen schwieriges Vermächtnis, aber um Entertainment. Bandac und Rupp setzen mit leichter Hand und sehr zurückgelehnt das Songmaterial in Szene, selbst in den Nummern mit weniger hohem Wiedererkennungswert.

Dieser instrumentale Minimalismus schafft Freiräume, die Franziska Knetsch stimmlich zu nutzen weiß: Pointiert führt sie immer wieder vor, dass ein Begriff wie „Black“ erst zu Amys Vokabular zählt, wenn das Wort als „Blä-hä-häck“ über die Lippen kommt. „Love is a Losing Game“ ist ein kleines, intensives Stück Musiktheater, das – gemessen an den Publikums-Reaktionen – nicht allzu schnell aus dem Spielplan verschwinden sollte.

  • Für die Vorstellung an diesem Samstag (Beginn: 19.30 Uhr) gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.

von Carsten Beckmann

 
 
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