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„Alle Menschen werden Brüder“

Festkonzert mit Beethovens Neunter „Alle Menschen werden Brüder“

700 Jahre Judentum in Marburg: Der Tag der Begegnung, zu dem die Jüdische Gemeinde eingeladen hatte, endete am Vorabend des deutschen Nationalfeiertages mit einem Festkonzert in der Lutherischen Pfarrkirche.

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„Freude schöner Götterfunken“: der Hessische Konzert- und Festspielchor sowie das Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Ulrich Manfred Metzger im Finale der „Neunten“.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Auf dem Programm des gut besuchten, aber nicht ausverkauften Konzertes in der Marburger Marienkirche stand Ludwig van Beethovens neunte und letzte Sinfonie, die wegen ihres zur Europa-Hymne gewordenen Chorfinales mit der zentralen utopischen Textzeile „Alle Menschen werden Brüder“ immer dann gespielt wird, wenn es wichtige Jubiläen zu feiern gilt. So erklang sie in Marburg vor 15 Jahren als Auftakt zur Festwoche 475 Jahre Philipps-Universität; Veranstalter war der 1970 gegründete Marburger Konzertchor unter der Leitung von Siegfried Heinrich.

700 Jahre Judentum in Marburg: Der Tag der Begegnung, zu dem die Jüdische Gemeinde eingeladen hatte, endete am Vorabend des deutschen Nationalfeiertages mit einem Festkonzert in der Lutherischen Pfarrkirche.

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Das Festkonzert aus Anlass von 700 Jahren Judentum in Marburg war ein Geschenk des Hessischen Konzert- und Festspielchores an die Jüdische Gemeinde Marburg. Seit vergangenem Jahr probt die Chorgemeinschaft unter der Leitung von Ulrich Manfred Metzger an denselben Orten wie der Konzertchor – Bad Hersfeld, Frankfurt und Marburg. Am Montagabend feierten die 50 Sängerinnen und Sänger ihr Marburg-Debüt und überzeugten in jeder Hinsicht.

Geschult an Verdis Requiem und den großen Chören der italienischen Oper, die bisher bei den Bad Hersfelder Festspielen zu seinen Aufgaben gehörten, meisterte der in allen Stimmgruppen klangvolle Chor mühelos die oft fast unsingbar hoch liegenden Jubeltöne, die Beethoven ihm abverlangt. Und auch das ekstatisch vorwärtsdrängende Tempo, das Metzger forderte, brachte den Chor nicht an seine Grenzen.

Schnelle Tempi und scharfe Akzentuierung

Der kundige Operndirigent hatte zudem ein hochkarätiges Solisten-Quartett verpflichtet. Für einen Gänsehautmoment sorgte Bassbariton Tobias Schabel, der zentrale Partien seines Fachs unter anderem an Daniel Barenboims Berliner Staatsoper singt, mit „O Freunde, nicht diese Töne!“ Die eherne Kraft dieser Solostimme fand später ihren Widerhall im „Seid umschlungen Millionen“ des imposanten Männerchores. Tenor Michael Zabanoff gestaltete eindringlich sein rhythmisch herausforderndes Marsch-Solo.

Und was sonst manchmal zur Zitterpartie gerät, der finale Höhenflug zu den Worten „Wo dein sanfter Flügel weilt“ – durch die Sopranistin Marie-Pierre Roy erklang er wie ein Engelsgesang. Maria Gortsevskaya bereicherte den Ensembleklang mit ihrem warmen Mezzosopran.

Metzger, den das hiesige Publikum als Dirigent des Studenten-Sinfonie-Orchesters Marburg schätzt, setzte auch in den drei vorangehenden rein instrumentalen Sätzen auf schnelle Tempi und scharfe Akzentuierung, zeigte sich dabei inspiriert von der historisch informierten Aufführungspraxis. Dass diese auch mit einem auf modernen Instrumenten spielenden Orchester in faszinierender Weise möglich ist, bewies das vor 150 Jahren gegründete Göttinger Symphonie Orchester.

Leidenschaftliches Plädoyer für verfemten Komponisten

Da Beethovens Neunte somit nur knapp über eine Stunde dauerte, anstatt der in traditionellen Wiedergaben üblichen 70 bis 75 Minuten, war zuvor noch Zeit für drei Werke jüdischer Komponisten. Die „Fanfare to Israel“ des gebürtigen Münchners Paul Frankenberger, der 1933 als Paul Ben-Haim nach Palästina emigriert war, faszinierte durch ihre von jüdischer und arabischer Liedkunst beeinflusste Melodik und Rhythmik. Und mit den fünf kleinen Stücken für Orchester von Alexander Mossejewitsch Weprik legte das Göttinger Symphonie Orchester ein leidenschaftliches Plädoyer ab für die tief in der Spätromantik verwurzelte Musik des von den Nazis verfemten, von den Sowjets durch Zwangsarbeit seelisch und körperlich zerbrochenen Komponisten.

Ein weltabgewandtes Lied ohne Worte bildete dann die Brücke zu Beethovens Neunter: das von den Streichern und der Harfe mit betörendem Ausdruck gesungene Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie, das Luchino Visconti als Musik für seine Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ gewählt hat.

von Michael Arndt

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