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„Alle Filme sind Dokumentarfilme“

Kamerapreisträger Edward Lachmann „Alle Filme sind Dokumentarfilme“

Er ist im Independent-Kino ebenso zuhause wie in Hollywood, er hat bei Dokumentarfilmen und Spielfilmen mitgewirkt: Der Amerikaner Edward Lachman ist der 15. Kameramann, der mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet wird.

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Edward Lachman diskutiert heute und morgen bei den Marburger Kameragesprächen mit Experten und mit dem Publikum über seine Arbeit. Foto: Döhn

Marburg. Seit 2001 wird der Preis alljährlich verliehen und soll auf den künstlerischen Beitrag der Kameramänner und -frauen aufmerksam machen. Der mit 5000 Euro dotierte Preis, den die Stadt Marburg und die Marburger Philipps-Universität gemeinsam vergeben, wird Lachman am Samstag ab 20 Uhr im Rahmen eines Festakts in der Alten Aula der Universität übergeben. Heute um 15 Uhr beginnen die begleitenden Kameragespräche im Filmkunsttheater am Steinweg.

OP: Sie haben schon eine ganze Reihe von Preisen für Ihre Arbeit gewonnen - welche Bedeutung hat der Marburger Kamerapreis für Sie?

Edward Lachman: Er hat eine besondere Bedeutung für mich. Ich habe einen engen Bezug zu Deutschland, denn ich habe viel mit den Regisseuren des deutschen Films gearbeitet - mit Wim Wenders, mit Volker Schlöndorff, mit Fassbinder und Herzog. Es war der Anfang meiner Arbeit als Kameramann, die Sprache dieser Filmmacher, die die Gesellschaft abbilden wollten, die mit niedrigem Budget arbeiten mussten und etwas anderes machen wollten als Unterhaltungskino - das entsprach mir. Ich kam von der Kunstschule, und ich betrachtete das Filmemachen als etwas, was mit künstlerischen Mitteln geschehen sollte. Diese Zusammenarbeit hat mir eröffnet, was das Filmemachen sein kann. Und ich bin beeinflusst von den deutschen Expressionisten, ihrer Art, Farbe und Licht einzusetzen.

OP: Die Jury des Kamerapreises hat betont, dass Ihre Arbeit stets eine dokumentarische Note hat. Sehen Sie das auch so?

Lachman: Ich denke, alle Filmer sind Dokumentationen. Man dokumentiert, was gerade passiert, das Licht, den Ort, das, was die Schauspieler tun. Man dokumentiert die Art, wie man etwas sieht. Und gerade die Arbeiten des Neuen Deutschen Films wollten zeigen, wie Menschen leben, was Realität ist, nicht wie Genrefilme.

OP: Sie haben sehr unterschiedliche Filme gemacht. Gibt es für Sie Gemeinsamkeiten Ihrer Arbeiten?

Lachman: Ich versuche, an jeden Film anders heranzugehen, immer darauf bezogen, was die Geschichte ist. Ich möchte bei jedem Film die Mittel einsetzen, die ihm gerecht werden. Ich habe trotzdem bestimmt Dinge, die typisch sind, eine bestimmte Art, den Bildausschnitt zu wählen, eine bestimmte Art der Kamerabewegung. Und ich benutze Farbe auf eine ganz bestimmte Art, unabhängig davon, ob ich sie als psychologisches Mittel einsetze oder als ästhetisches Mittel.

OP: Würden Sie also sagen, Sie haben einen bestimmten Stil?

Lachman: Nun, ich möchte gerne sagen, dass ich keinen habe. Aber ich habe eine bestimmte Einstellung zu Filmen wie Maler bestimmter Epochen, die eine politische und soziale Haltung hatten, warum sie die Bilder machen, die sie machen.Und ich denke, das kann man auf Filme übertragen. Als ich anfing, kleine Filme zu drehen, habe ich immer an solche Künstler gedacht.

OP: Was ist für Sie wichtig bei der Zusammenarbeit mit einem Regisseur?

Lachman: Dass man von Anfang an zusammenarbeitet, dass der Regisseur weiß, warum ich etwas tue. Es gibt sehr visuelle Regisseure wie Todd Haynes, aber es gibt auch Regisseure, die vom Wort her kommen - wenn Schauspieler Regie führen zum Beispiel, wie Dennis Hopper. Aber ich arbeite am besten mit jemandem zusammen, der auch vom Visuellen her denkt.Wirklich große Probleme habe ich aber eher mit den großen Studios gehabt, mit der Politik, die da gemacht wird. Es war toll, in Hollywood „Erin Brockowich“ mit Steven Soderberg zu drehen - er war stärker als die Produzenten. Ich arbeite gerne mit Regisseuren, die ihren ersten Film machen, sie sind unbefangener und offener, und mit erfahrenen Regisseuren mit einer starken visuellen Sprache.

OP: Sie haben immer wieder mit Ulrich Seidl und auch mit Todd Haynes gedreht, die doch sehr unterschiedliche Filme machen - gibt es etwas, was Sie mit beiden verbinden?

Lachman: Vertrauen! Und die Art, wie sie das Publikum berühren. Die Filme von Ulrich haben eine große Nähe zur Realität, und es ist schwierig für viele Leute, sich selbst in den Filmbildern wiederzuerkennen, gerade weil sie wissen, dass diese Realität wahr ist. Und Todd erzählt auch wahre, ehrliche Geschichten, auch wenn er andere filmische Mittel nutzt, die es dem Publikum leichter machen, Emotionen zuzulassen. Unterschiedliche Wege, aber man fühlt in beiden Fällen mit den Charakteren - auch wenn einem das in Ulrichs Films schwerer fällt, weil man nicht wie diese Charaktere sein will.

von Heike Döhn

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