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Ali und die Detektivin in Bollywood

Weihnachtsstück am Hessischen Landestheater Ali und die Detektivin in Bollywood

Nicht ganz ausverkauft war das Erwin-Piscator-Haus am Samstag bei der Premiere von „Ali Baba und die 40 Räuber“, dem traditionellen Familienstück zur Weihnachtszeit des Hessischen Landestheaters.

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Shirin (Lisa-Marie Gerl) und Ali Baba (Thomas Huth) sind die besten Freunde in dem aktuellen Familienstück des Landestheaters.Foto: Jan Bosch

Marburg. Was waren das noch für Zeiten, als der Orient für die Menschen im Abendland eine geheimnisvolle Region war, mit unbekannten Gewürzen und prächtigen Palästen. Heute nennen wir das Morgenland den Nahen Osten - und der wird gleichgesetzt mit Bomben, Krieg und Terror. Verschwunden sind die romantischen Bilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

„Ali Baba und die 40 Räuber“ ist eine Erzählung aus „Tausendundeine Nacht“, aus einer Geschichten-Sammlung, die noch diesen geheimnisvollen Zauber atmet. Doch ein Märchen für Kinder war und ist das Original keineswegs. Die 40 Räuber und Ali Babas Bruder sterben darin einen grausamen Tod.

Das wissen auch Annette Müller (Regie) und Oda Zuschneid (Choreografie) vom Hessischen Landestheater, die „Ali Baba und die 40 Räuber“ als Familienstück zur Weihnachtszeit auf die Bühne gebracht haben. Familienstücke zur Weihnachtszeit haben eine enorme Bedeutung für Theater. Rund 10000 Besucher - vor allem Kinder - werden in diesem Jahr in Marburg erwartet. Ein Weihnachtsstück ist auch ein unglaublich schwieriger Spagat: Zwischen dem Erwartungs- und Verständnishorizont eines fünfjährigen Kindergartenkindes und eines 12-jährigen Schülers liegen Welten.

Annette Müller und Oda Zuschneid präsentieren ihrem Publikum eine ganz eigenständige „Ali Baba“-Fassung: Keine Kamelkarawanen, keine Oasen, keine Räuber mit Turbanen und langen Krummdolchen. Regisseurin Müller hat das Stück, das wie „Sindbad, der Seefahrer“ oder „Aladdin und die Wunderlampe“ seit dem 18. Jahrhundert das Orient-Bild des Westens mitgeprägt hat, ins Hier und Jetzt geholt. Sie hat daraus einen Kinderkrimi à la Emil und die Detektive gemacht - mit einigen Songs und rasanten Tanzchoreografien im „Bollywood“-Stil der indischen Filmindustrie: Popmusik, Rap und Hiphop sind zu hören.

Das Stück spielt in einer Stadt, irgendwo ganz weit weg in Indien. Es könnte aber auch quasi um die Ecke spielen - in Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh, so vertraut sind viele Bilder. Aus dem verheirateten Holzhändler Ali Baba (Thomas Huth) wird ein aufgeweckter Junge, sein Bruder Kassim (Maximilian Heckmann) ist ein ziemlich fauler Jugendlicher, seine Mutter (Julia Glasewald) verdient ihr Geld in Nachtschichten in einem Call-Center. Sie sind arm, leben in einem Bretterverschlag, wie alle Menschen in dem Viertel.

Ali Baba hat eine Freundin: Mit Shirin (Lisa-Marie Gerl) radelt er über die große Bühne und träumt von einer besseren Zukunft, während er im Geschäft von Shirins Vater Can (Camil Morariu) arbeitet. Doch Schulbildung kann sich seine Mutter nicht leisten. Die wenigen Zugeständnisse an unser Bild vom alten Orient sind Pluderhosen und in einer Einstiegsszene indische Saris.

Die Räuber dagegen wecken Assoziationen an eine Vorstadt-Gang. Insbesondere der Räuber-Hauptmann (Ogün Derendeli) könnte in seiner weiten, schwarzen Hose, dem schwarzen Blouson, dem schwarzen Piratentuch um den Kopf und seiner dunklen Sonnenbrille locker auch in einem Tatort Eindruck schinden. Sie überfallen Banken und Supermärkte, nehmen die Überfälle sogar als Selfies auf. Schön dumm, denn Ali Baba entdeckt ein Handy und weiß, was los ist. Er folgt den Räubern und entdeckt ihr Versteck: Es ist kein Berg, sondern ein Lager, geschützt durch eine mächtige Graffiti-Wand. Aber der Zauber des „Sesam öffne dich“ funktioniert auch hier.

Ali Baba kommt also zu Geld. Und was macht ein armes Kind mit so viel Geld? Es kauft Dinge ein, von denen es träumt. Konsumartikel hängen leuchtend und blinkend am Bühnenhimmel: Handys, Turnschuhe. Kassim hat seinen Bruder schnell durchschaut: So viel Geld kann er gar nicht gefunden haben. Er folgt seinem Bruder zu dem Versteck und wird dort von den Räubern gefangen genommen. Ali Baba und Shirin werden zu Helden in einer spannenden Detektivgeschichte.

Und wer auf ein märchenhaftes Wunder wartet, wird am Ende auch noch bedient: Die bestohlenen Reichen und Superreichen verzichten auf die Rückgabe des Geldes, stecken alles in eine Stiftung, die den Kindern und armen Familien im Viertel helfen soll. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Vom Premierenpublikum gab es freundlichen Applaus für die Darsteller und die Inszenierung.

Weitere Familienvorstellungen sind am 18., 21. und 22.Dezember um 17 Uhr. Für die Schulvorstellungen gibt es nur noch Restkarten: www.theater-marburg.de

von Uwe Badouin

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