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Aktueller Stoff, der unter die Haut geht

Premiere von "Die Ereignisse" Aktueller Stoff, der unter die Haut geht

„Die Ereignisse“ von David Greig ist ein beklemmendes, brandaktuelles Stück, das unter die Haut geht. Am Samstagabend war Premiere im Hessischen Landestheater.

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Insa Jebens und Roman Pertl spielen ihre Rollen sehr überzeugend. Pertl schlüpft sogar in mehrere Rollen, findet sich dabei in jeder sofort zurecht.

Quelle: Merit Engelke

Marburg. Ist der Täter verrückt oder böse? Woher der blinde Hass auf Ausländer? Warum nur hat er all die Menschen ermordet? Claire (Insa Jebens) fragt sich das wieder und wieder, sie kann nicht mehr essen, kann nicht mehr schlafen. Claire hat einen multikulturellen Chor geleitet, einen Chor, in dem Flüchtlinge, Einwanderer, junge Mütter, Alte und Arbeitslose zusammen gesungen haben. Eines Abends stürmt bei der Probe ein junger Mann herein und schießt wahllos um sich. Zahllose Menschen sterben, Claire überlebt. Aber sie findet nach den furchtbaren Ereignissen nicht mehr zurück in ihr altes Leben.

Lilli-Hannah Hoepner hat mit „Die Ereignisse“ ein fesselndes Stück auf die Bühne des Landestheaters gebracht, das niemanden kalt lässt. Es ist vor dem Hintergrund rassistisch motivierter Angriffe auf Asylbewerberheime in Deutschland und terroristischer Attentate überall auf der Welt höchst aktuell. Und es stellt Fragen, die angesichts solcher Wahnsinnstaten alle umtreiben. Die traumatisierte Claire fragt stellvertretend nach den Motiven: War es die Angst vor dem Fremden oder der blanke Hass auf Ausländer? War der Täter ein Psychopath oder hat einfach das Böse in ihm gewütet? Was geschah in seiner Familie? Hätte sie die Tat verhindern können? Soll sie ihm vergeben? Bis zum Schluss findet sie keine eindeutigen Antworten, selbst als sie den Täter im Gefängnis besucht und mit ihm spricht.

Das Stück für zwei Schauspieler und einen Chor lebt vor allem vom engagierten und intensiven Spiel der beiden Hauptdarsteller. Roman Pertl spielt den Täter ganz hervorragend, bis in die Körpersprache hinein gibt er den halbwahnsinnigen „Stammeskrieger“, der sich keine Schwäche erlaubt und seine Mordtaten als notwendige Reinigung ansieht. Mühelos schlüpft Roman Pertl auch noch in etliche weitere Rollen: den Vater des Täters, den Psychologen, den Partner der Chorleiterin.

Aber auch Insa Jebens in der Rolle der Claire ist absolut überzeugend in ihrer Rastlosigkeit, ihrer tiefen Verzweiflung, ihrer wilden Raserei. Sie gibt sich nicht zufrieden mit oberflächlichen Antworten. Sie will sich nicht helfen lassen, will nicht vergessen, sondern verstehen, was in dem Täter vorgegangen ist. Der Chor, bei der Premiere war es der Marburger Chor „Politöne“, spielte sehr gekonnt und konzentriert mit und setzte mit seinem Gesang immer wieder Akzente. In den weiteren Aufführungen werden Mitglieder des Marburger Konzertchors, der Unichors und des Bachchors mitwirken.

Zum Gelingen der Inszenierung trug auch die runde, drehbare Bühne bei (Iris Kraft), die mitten im Raum aufgebaut war. So konnten die Zuschauer von drei Seiten zusehen und waren ganz nah am Geschehen. Viele tolle Spielmöglichkeiten boten sich durch diesen Bühnenaufbau. So drehte sich die Bühne schneller und schneller, als Claire sich immer mehr in ihren Gedankenspiralen verfing. Oder die Chormitglieder, die rund um die Bühne platziert waren, brachten Bewegung ins Spiel, indem sie die Bühne von Hand drehten.

Am Schluss der intensiven Aufführung zeigten sich die Zuschauer beeindruckt und begeistert, und es gab langen, stürmischen Beifall. Der schottische Autor David Greig hat „Die Ereignisse“ unter dem Eindruck des Massakers geschrieben, das der rechtsextreme Norweger Anders Breivik 2001 angerichtet hat. Damals starben auf der Insel Utoya 77 junge Menschen.

von Bettina Preussner

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