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Von Krieg, Pest und Glaubenskampf

„Akte Zwingli“ Von Krieg, Pest und Glaubenskampf

Der streitbare Schweizer Reformator Ulrich Zwingli stand im Mittelpunkt des Oratoriums, das am Donnerstag in der Pfarrkirche aufgeführt wurde. Es war ein ebenso spannender wie beeindruckender ­Musikabend.

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In der Pfarrkirche wurde das Oratorium „Akte Zwingli“ aufgeführt.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Pfarrer Ulrich Biskamp von der Lutherischen Pfarrkirche begrüßte die rund 250 Besucher sowie die Musiker und Sänger aus der Schweiz sehr herzlich. Er wies auch darauf hin, dass Marburg die einzige Stadt ist, in der Martin Luther und Ulrich Zwingli aufeinander trafen.

Das zweistündige Oratorium „Akte Zwingli“ wurde von einem Chor aus Zürich aufgeführt, verstärkt durch Sängerinnen und Sänger aus Marburg. Hinzu kamen Musiker und Gesangssolisten, ebenfalls aus Zürich. Die Musik hat Hans-Jürgen Hufeisen geschrieben, das Libretto Christoph Sigrist.

Das Singspiel erzählte die Geschichte des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli aus der Sicht seiner Frau Anna Reinhard. Zu Beginn ging es um den tragischen Tod Zwinglis im Krieg. Der Reformator zog 1531 in Kappel in den Kampf gegen die Katholiken und wurde getötet. Sein Leichnam wurde gevierteilt und verbrannt, seine Asche in alle Winde zerstreut.

Ungewöhnliche Instrumentierung

Das Oratorium fand für diese schrecklichen Ereignisse eine sehr eigene, höchst spannende und beeindruckende Tonsprache. Der Chor mit seinen hervorragenden Sängerinnen und Sängern gestaltete die Passagen, in denen es um das Gemetzel auf dem Schlachtfeld und die Trauer der Ehefrau Anna ging, sehr eindringlich und berührend. Die beiden Gesangssolisten Nathalie Mittelbach (Mezzosopran) und Daniel Camille Benzt (Tenor) überzeugten mit ihren tollen Stimmen und ihrem einfühlsamen Gesang.

Hinzu kamen die spannenden Klangbilder zum Thema Krieg, die mit ihrer ungewöhnlichen Instrumentierung überraschten: Da erklang ein Akkordeon neben einer Blockflöte, ein Donnerblech neben zwei Klavieren. So entstand ein kraftvolles musikalisches Gesamtkunstwerk, das zur Anklage gegen den Wahnsinn des Krieges ganz allgemein wurde.

Ebenso beeindruckend waren die Teile des Oratoriums, die sich mit Zwinglis Leben im Rückblick befassten. Besonders hervorzuheben ist hier der theologische Streit zwischen Luther und Zwingli, in dem die ganz unterschiedlichen Charaktere der beiden Reformatoren zum Ausdruck kamen: hier der aggressive, wehrhafte Luther, da der etwas zurückhaltendere, zartere Zwingli.

Eindrücklicher Abend

Unter die Haut ging auch die Beschreibung der Krankheit Zwinglis, der wie viele Menschen seiner Zeit an der Pest erkrankte. Hierzu hat Zwingli selbst einige Texte und Melodien verfasst. Sehr eindringlich gestalteten Chor und Solisten die Sätze, in denen der Kranke aus tiefster Not um Gottes Hilfe bittet. Wunderschön gelang dann am Schluss der Jubel über die Heilung des Erkrankten.

Mit dem traurigen Nachklang, der vom Tod der Witwe Zwinglis erzählte, die später ebenfalls an der Pest erkrankte, aber nicht überlebte, endete der eindrückliche Abend. Etwas schade war nur, dass der Fluss der Musik immer wieder durch allzu lange Textpassagen unterbrochen wurde, die Christoph Sigrist vortrug. Dennoch waren die Zuhörer begeistert und applaudierten lange und ausdauernd.

Nach einem kleinen Umtrunk gingen Besucher und Künstler hinaus auf den dunklen Kirchhof, wo eine Installation des Schweizer Lichtkünstlers Gerry Hofstetter zu sehen war. Auf die Längsseite und den Turm der Pfarrkirche wurden verschiedene Bilder projiziert, ein ganz besonderer, einzigartiger Effekt. Motive waren Friedenstauben, Porträts von Luther und Zwingli und farbige Szenen, die an Schlachtenbilder erinnerten.

von Bettina Preussner

Der Schweizer Lichtkünstler Gerry Hofstetter projizierte Bilder an die Pfarrkirche. Foto: Tobias Hirsch
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