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Adam verbreitet Panik im „Paradies“

Theaterpremiere Adam verbreitet Panik im „Paradies“

99 Zuschauer kamen zur Erstvorstellung am Samstag in der ausverkauften „Black Box“ am Schwanhof.

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Jonas Gerke und Karin Kanke wirken mit in der neuen Produktion des Theaterjugendclubs.

Quelle: Merit Engelke

Marburg. Nach der Premiere von „Homo Empathicus“, ein Stück der Dramatikerin Rebekka Krichedorf, irrt ein kleines Mädchen im Foyer der „Black Box“ umher. Sie sucht ihre Eltern. „Wo ist mein Längerlebendes?“, fragt sie. Diese Frage können nur diejenigen verstehen, die „Homo Empathicus“, das 2014 uraufgeführt wurde, gesehen haben.

Das Mädchen hat sich nämlich den skurrilen Wortschatz des Stücks zu Eigen gemacht, ihn aufgesaugt und wringt ihn nun aus. Denn in der Welt von „Homo Empathicus“ ist „political correctness“ das A und O: „Eltern“ heißen „Längerlebende“ - bloß keine Hierarchien aufbauen - und es gibt keine Geschlechter. Jeder Mensch ist ein Neutrum. Oberflächlich herrschen Friede und Freude.

Somit nimmt Rebekka Kricheldorf aufs Korn, was Thomas Morus mit seinem im Jahr 1516 erschienenen philosophischen Werk „Utopia“ entworfen hat: die vermeintlich perfekte Welt. Beim „Homo empathicus“ klingt das so: „Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden kann!“ Dies ist das Kredo des Gesellschaftskörpers.

Dabei entgeht den Paradiesbewohnern, dass das Gute der Feind des Perfekten ist. Und genau genommen leben die Bewohner in einer selbst auferlegten Diktatur, in der Uniformität riesengroß geschrieben wird. „Gleichheit der Menschen ist natürlich gut. Aber irgendwo möchte doch jeder Mensch individuell sein“, gibt Alexander Reith, einer der Darsteller, zu bedenken.

Ein Leben wie im Porzellanladen

Die Bewohner bewegen sich so durch ihre Umwelt wie durch einen Porzellanladen. Immer auf der Hut, nichts zu beschädigen. Vor allem nicht die Gefühle ihrer Mitmenschen. Es liegen so viel politische Korrektheit und Höflichkeit in der Luft, dass es schon weh tut. So viel fanatische Gutmütigkeit hält ein Mensch nicht aus. Und so ist es auch im vermeintlichen Paradies. Das Fundament des sozialen Luftschlosses ist nämlich brüchig. An mehreren Stellen zeigen sich Risse in Form von verbalen Ausrutschern.

Professor Möhringer (hervorragend, Alexander Reith) ist die graue Eminenz und das belesene Superhirn im Paradies. Wenn einem seiner Mitmenschen ein Buch auf den Boden fällt und er aus Unachtsamkeit „Scheiße!“ flucht, geht Möhringer mit ihm in Klausur. Derartige Szenen zeigen, dass die Bewohner sich und ihre Emotionen nicht vollends verloren haben. „Ich habe mich noch nie an eine Komödie gewagt. Das war das erste Mal“, gesteht Juliane Nowak, die Regie führte. Das Debüt ist geglückt. Das liegt auch an dem Enthusiasmus der dreizehn Darsteller zwischen 13 und 26 Jahren.

Die beschauliche Welt gerät aus den Fugen, als sich zwei Exoten im Paradies einnisten. Zwei Querdenker tauchen aus dem Nichts auf und verhalten sich wie die ersten Menschen. Laut Schöpfungsgeschichte sind sie das auch - Adam (Jonas Gerke) und Eva (Karin Kanke). Sie als „femme fatale“ mit rotem Dress und einigem auf dem Kerbholz. Er mit breitbeinigem Gang, schlechten Manieren und schmutzigen Mundwerk. Ein „Dandy“ wie aus dem Bilderbuch. Das Duo ist das genaue Gegenteil von den Paradiesbewohnern: emotional, lustgesteuert, individuell, frei.

In der feinen Gesellschaft regen sich Mordgelüste. Die „Perfekten“ zeigen ihre menschlichen Abgründe. Dabei wirft das Ende des Stücks vor allem eine Frage auf: Können Menschen Emotionen beiseite schieben oder sie gar vergessen?

Weitere Vorführungen: Donnerstag, 16. Juni und Freitag, 17. Juni, jeweils 19.30 Uhr.

von Benjamin Kaiser

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