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300 Schüler präsentieren Brecht-Stück

Mittelhessische Schultheatertage 300 Schüler präsentieren Brecht-Stück

Bertolt Brecht hat sich für seine Lehrstücke doch recht kryptische Titel ausgedacht - wie „Das Badener Lehrstück vom Einverständnis“. 300 Schüler auch aus heimischen Schulen haben es gemeinsam auf die Bühne gebracht.

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In dem Projekt waren die beteiligten Schulen nach T-Shirt-Farben getrennt. Orange trugen Schüler der Gesamtschule Niederwalgern und der Martin-Luther-Schule Marburg.

Quelle: Katrina Friese

Gießen. Wer, außer Germanisten und Theaterwissenschaftlern, soll sich unter dem Lehrstück etwas vorstellen können? Die 300 Schüler aller Altersstufen, die das Stück jetzt bei den Mittelhessischen Schultheatertagen unter professioneller Anleitung der Gruppe „ongoing“ realisiert haben, werden einiges dazu sagen können. Auf alle Fälle haben sie das Brecht‘sche Lehrstück aus dem Jahr 1929 mit viel Leben erfüllt und mit aktualisierten Texten, starken Bildern, Musik und Choreographie auf die Bühne des Großen Hauses des Stadttheaters gebracht. Damit hatten sie sich einen Riesen-Applaus verdient, der auch den 23 beteiligten Lehrern galt sowie Michael Meyer und Waltraut Montag als Koordinatoren des Staatlichen Schulamts.

Hilft der Mensch dem Menschen?

So verstaubt ist er gar nicht, der gute alte Brecht. Das ist die erste Lehre, die aus dem Abend gezogen werden konnte. Und die zweite Lehre: Erstaunlich, wie gut auch Kinder und Jugendliche mit einem so sperrigen Stoff umgehen können.

Vervollständigt wurde der positive Eindruck durch das eindrucksvolle Bühnenbild: Durch den transparenten Bühnenvorhang fällt der Blick auf die Front eines Propellerflugzeugs, das über der Bühne schwebt. Dazu erklingt das Lied „Flieger, grüß mir die Sonne“, das in seiner Urfassung 1932 von Hans Albers gesungen wurde und in den Achtzigern mit „Extrabreit“ die Charts stürmte. Im Hintergrund sitzen akkurat in mehreren Reihen die Schüler in verschiedenfarbigen T-Shirts und halten geduldig die zweieinhalbstündige Aufführung auf ihren Plätzen aus. Der Respekt des Publikums gilt vor allem den Kleineren, die lange Prozedur ohne Murren durchzuhalten.

Die Befürchtungen, dass der Stoff zu schwierig und zu belastend für die Grundschüler sei, erwies sich als unbegründet. Die „Betrachtung der Toten“, unzumutbar für Achtjährige? Die Betrachtung der Toten ist das, was Erwachsene und Kinder täglich durch die Nachrichten vorgesetzt bekommen und was die Schüler im Rahmen der Theaterarbeit noch einmal thematisieren konnten. Entstanden sind besonders anrührende Szenen: „Ich muss sterben. Ich muss sterben“, rufen die Kinder. Was vermisse ich am meisten, wenn ich sterbe? Den Stoffhasen, die Mama oder den neuen Monsterradiergummi: Alles ist denkbar und wird von den Kindern mit viel Glaubwürdigkeit vorgetragen.

Ziel: Regionales Netzwerk von Künstlern und Schulen

Doch um was geht es in diesem Brecht-Stück überhaupt? Das Stück beginnt mit dem Bericht vom Fliegen. Klar akzentuiert tragen die Schüler den Bericht vor, der als 1. Szene von Brecht aufgeschrieben ist. Unmittelbar darauf folgt schon der Sturz. Vorbei die hochfliegenden Pläne nach Lindberghs Atlantik-Überquerung. Ein Flieger liegt verletzt mit seinen drei Monteuren am Boden und keiner will ihnen helfen. Hilft der Mensch dem Menschen? So lautet die zentrale Frage, die immer wieder aus neuen Blickwinkeln aufgerollt wird.

Die 23. Mittelhessischen Schultheatertage sollen die künstlerische mit der pädagogischen Arbeit verbinden und ein regionales Netzwerk von Künstlern und Schulen in Hessen entstehen lassen. Ongoing Projekt, ein Kollektiv von sieben Theaterschaffenden aus Gießen, gab Hilfestellung. Mit den Abläufen der Institution Theater allerdings kamen die Angewandten Theaterwissenschaftler nicht so recht klar und artikulierten ihre Kritik auch auf Handzetteln, die sie im Publikum verteilten.

Dabei hat ansonsten alles bestens funktioniert. Es ergaben sich ganz neue Perspektiven und berührende Szenen, wenn etwa die älteren Schüler die jüngeren an der Hand nahmen oder der kleine Rollstuhl-Fahrer von seinen Mitschülern begleitet wurde. Also: Manchmal hilft der Mensch dem Menschen doch. Auch wenn der junge Bert Brecht das anders sieht und behauptet: „Der Mensch hilft dem Menschen nicht. Wenn keine Gewalt mehr herrscht, ist keine Hilfe mehr nötig/Also sollt ihr keine Hilfe verlangen, sondern die Gewalt abschaffen.“

Hintergrund
Das Besondere an diesem Pilotprojekt: Erstmals wurde bei Schultheatertagen ein einziges Theaterstück in Kooperation zwischen verschiedenen Schulformen und Altersgruppen gestaltet. Beteiligte Schulen waren: Friedrich Fröbel-Schule Wetzlar, Johanneum Gymnasium Herborn, Friedrich-Ebert-Schule Gießen, Helmut-von-Bracken-Schule Gießen, Herderschule Gießen, Gesamtschule Niederwalgern, Martin-Luther-Schule Marburg, Gesamtschule Gießen-Ost, Georg-Büchner-Schule Gießen, Ricarda-Huch-Schule Gießen, Theodor-Heuss-Schule Marburg, Schule am Schwanhof Marburg, Gesamtschule Gleiberger Land und Wilhelm-Knapp-Schule Weilburg.

von Ursula Hahn-Grimm

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