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„1984“ stößt auf der Bühne an Grenzen

Stadttheater Gießen „1984“ stößt auf der Bühne an Grenzen

Man kann schon von einer Mode sprechen. Immer wieder tauchen große Romane in dramatischer Verknappung auf deutschen Bühnen auf. Mal funktioniert das gut, häufig eher weniger, wie am Samstag im Stadttheater Gießen.

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Der Folterknecht O‘Brien (Roman Kurtz) bricht mit Gewalt den Willen von Winston (Lukas Goldbach), der letztlich auch die Geliebte Julia (Mirjam Sommer, im Hintergrund) verrät.

Quelle: Wegst

Gießen. Wohl jeder kennt den Spruch „Big Brother is watching you“ aus George Orwells Klassiker „1984“. Der Stoff über 
einen totalitären Überwachungsstaat ist nicht zuletzt durch den NSA-Skandal ungemein aktuell.

Am Samstag hatte „1984“ in einer Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan in der deutschen Übersetzung von Corinna Brocher am Stadttheater Gießen Premiere. Am Ende gab es reichlich Applaus für die Inszenierung von Thomas Oliver Niehaus, die nicht schlecht gemacht ist. Der Haken: Spannung oder Empathie kommen nicht auf.

Niehaus erzeugt technokratische Kälte

Das hat maßgeblich mit dem Transfer eines komplexen und je nach Ausgabe rund 300 Seiten starken Stücks Prosa in eine Bühnenhandlung zu tun. Natürlich heißt das Verknappung, die die Entwicklung von Assoziationsketten, die Orwell in der langsamen Entfaltung seines Plots dem Romanleser ermöglicht, beim Theaterbesucher zumindest stark erschwert. Es bleibt eben nur noch ein auf das mindeste reduziertes Skelett der Handlung, ohne allzu viel Tiefe.

Allerdings gelingt es Niehaus, dieser Basishandlung Atmosphäre einzuhauchen. Gekonnt bringt er die technokratische Kälte von Orwells Meisterwerk auf die Bühne, nicht zuletzt dank eines ausgeklügelten Beleuchtungskonzeptes und 
eines feinen Purismus.

Von einem großen Tisch abgesehen, ist die von Lukas Noll in Vorder- und Hauptbühne eingeteilte Rampe praktisch nackt. Es gibt bloß ein paar Requisiten und eine große Videowand, auf der je nach Szene Symbole oder Zahlen zu sehen sind. Dieses Arrangement strahlt eine Kühle aus, ebenso wie die von Veronika Stemberger uniform entwickelten Kostüme im Business-Stil.

Rein visuell gelingt es glänzend, die bedrückende Atmosphäre von „1984“ rüberzubringen. Aber der Transfer von Prosa in Dramatik leidet, weil einerseits die Assoziationsmöglichkeiten praktisch abgeschnitten sind und das Stück andererseits sehr sprachlastig ist.

Roman-Adaption bereitet abermals Schwierigkeiten

Es gibt nur wenig Aktion in dieser Inszenierung, die den Stoff sehr vergeistigt. Das ist die maßgebliche Ursache dafür, dass Spannung und Empathie praktisch nicht aufkommen und sich bisweilen Langeweile breitmacht. An den Schauspielern liegt es nicht. Das Ensemble um Lukas Goldbach als Winston und Roman Kurtz als Gegenspieler O‘Brien tut, was es kann, und lässt am Premierenabend immer wieder seine Klasse aufblitzen.

Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Die Arbeit des Regieteams ist gekonnt. Nur sollte man tatsächlich überlegen, ob es sinnvoll ist, Romane zu dramatisieren. Ist es doch ein zentrales Charakteristikum dieser Gattung, dass sie ihre Geschichten und Gehalte auf langen und komplexen Distanzen entwickelt, die das Theater gar nicht mitgehen kann, wie diese Version von „1984“ wieder einmal beweist.

Fazit: Lasst Romane Romane sein, es gibt genug Theaterstücke.

  • Nächste Aufführungen: 27. November, 4., 11. und 30. Dezember, 24. Januar und 13. März jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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