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„Wir fallen nicht auf“

Kinostart: „Hannas schlafende Hunde“ „Wir fallen nicht auf“

Drei Generationen, eine Familie, ein Schicksal. Der Film „Hannas schlafende Hunde“ erzählt vom jüdischen Leben nach 1945 und zeigt dabei, wie braun die rückblickend ach so bunt wirkenden 60er-Jahre noch waren.

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Die kleine Johanna (rechts, Nike Seitz) entdeckt mit Hilfe ihrer blinden Oma (Hannelore Elsner) ­
ihre jüdische Identität.

Quelle: Alpenrepublik

Marburg. Flower Power, freie Liebe, Toleranz: Die 1960er-Jahre gelten heute als sehr bunte Zeit. Wie braun sie aber zeitgleich waren, das zeigt der Film „Hannas schlafende Hunde“. Ein düsteres Sittengemälde.

Das Werk basiert auf dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Escher und erzählt von der kleinen Johanna, die die Welt nicht versteht. Dabei muss sie sich gegen ihre Mutter Katharina (Franziska Weisz) durchsetzen, die der Familie vor allem eine Handlungsanweisung gegeben hat: „Wir fallen nicht auf“.

Und obwohl die Familie sich so zurückhaltend gibt und jeden Sonntag brav in die katholische Kirche geht, schlägt Johanna in der österreichischen Provinz von allen Seiten Verachtung oder gar blanker Hass entgegen. Von der Lehrerin wird sie gepiesackt, von den unzähligen Altnazis des Ortes unzählige Male gedemütigt.

Oma klärt Johanna über ihre Vergangenheit auf

Erst im Laufe des Films erfährt Hanna, dass sie jüdische Wurzeln hat und das der Grund dafür ist, dass ihre Mutter (starker Auftritt: Franziska Weisz) so panische Angst davor hat, irgendwie aufzufallen, und sich weigert, über die Vergangenheit zu sprechen, schlafende Hunde zu wecken.

Nur um nicht aufzufallen, lässt sie den jahrelangen Missbrauch des Bankdirektors Öllinger (schmierig: Ex-Fernseh-Förster Christian Wolff) über sich ergehen. Nur um nicht aufzufallen, bleibt auch Johannas Tante bei ihrem brutalen Ehemann, der sie und vor allem den gemeinsamen Sohn aufs Übelste misshandelt.

Ganz anders als ihre Töchter ist da Johannas resolute und zynische Oma (Hannelore Elsner). Sie will, dass ihre Enkelin um ihre Vergangenheit weiß, dass sie stolz ist auf ihr jüdisches Erbe. Die blinde Frau selbst ist nicht nur voller Stolz, sondern auch voller Hass auf die Täter von damals, die nicht nur aus allem nichts gelernt haben, sondern einfach weitermachen wie unter Hitler.

Die Nachbarn erdreisten sich – nach Jahren der Anfeindungen und Angriffe – sogar, samt Bestuhlung vor der Tür zu stehen, als Johannas Familie als einzige im ganzen Haus einen Fernseher bekommt. Sie sagen: „Es ist Ihnen doch gar nichts passiert. Seien Sie doch nicht so nachtragend.“

Regisseur Andreas Gruber inszeniert nach „Hasenjagd“ erneut einen Film über das dunkelste Kapitel der Geschichte. Ein düsteres Sittengemälde ist es geworden, so eindringlich erzählt, dass der Schrecken sich zwar langsam, aber nachhaltig einschleicht.

  • Der Film läuft im Filmkunsttheater Atelier.

von Britta Schultejans

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