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OP-Buchtipp: Juli Zeh: „Unterleuten“

Wenn eine Dorfgesellschaft implodiert

Juli Zeh begibt sich mit ihrem neuen Roman „Unterleuten“ in die brandenburgische Provinz. Ein paar geplante Windräder bringen das Dorfgefüge ins Wanken. Wie geht es zu unter Leuten?
Seit 2007 lebt Juli Zeh in der brandenburgischen Provinz. In ihrem Roman „Unterleuten“ hat sie 
ihre Erfahrungen verarbeitet. Foto: Arno Burgi

Seit 2007 lebt Juli Zeh in der brandenburgischen Provinz. In ihrem Roman „Unterleuten“ hat sie 
ihre Erfahrungen verarbeitet.

© Arno Burgi

Keine Frage, Juli Zeh kann es. Das beweist die vielfach ausgezeichnete Autorin („Adler und Engel“, „Spieltrieb“) seit mehr als 15 Jahren. Jetzt hat die 41-Jährige mit „Unterleuten“ einen Gesellschaftsroman geschrieben.

Für sie die Königsdisziplin, in der sie sich laut Klappentext ihr ganzes schriftstellerisches Leben lang versuchen wollte. Das provoziert natürlich die Frage: Kann Juli Zeh auch Gesellschaftsroman?

Die Autorin hat ihre Geschichte in der brandenburgischen Ostprignitz angesiedelt, im Dorf Unterleuten. Somit liegt es auf der Hand, dass Figuren mit DDR-Vergangenheit auftreten müssen. Dazu kommen Zuzügler aus dem Westen, etwa eine junge Pferdenärrin, die für ihren geliebten Vierbeiner „Bergamotte“ ein kleines Tierparadies schaffen will und dabei keine Moral mehr kennt. Und auch ein reicher Grundstücksspekulant aus Bayern, der mal eben etliche Hektar Land um Unterleuten ersteigert hat, betritt die Szenerie.

Insgesamt elf Protagonisten bevölkern Unterleuten. Zeh stellt sie am Anfang nacheinander vor. Sie nehmen den Leser aus ihrer jeweiligen Perspektive mit in den Dorfkosmos. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine Geschichte, seine Sicht auf die Dinge.

Was hält eine Dorfgesellschaft zusammen

Zeh verwebt alles geschickt miteinander. Schnell ahnt man, dass im idyllischen Unterleuten gar nichts gut ist. Als dann auch noch ein Unternehmen einen Windpark errichten will, gerät das Dorf vollends aus den Fugen.

Der Gesellschaftsroman zielt per Definition auf die Zeitgeschichte. Zeh ist in Unterleuten also ganz richtig, wenn sie deutsch-deutsche Historie und Gegenwart, die emotional geführte Debatte um Windräder, Bodenspekulation und anderes aufgreifen will.

Zudem widmet sie sich intensiv der Frage, was eine Dorfgesellschaft im Inneren zusammenhält. Nicht viel, so scheint es, weil alle Protagonisten ihre eigenen Interessen verfolgen. Dass keiner etwas Böses will, führt noch lange nicht dazu, dass sie etwas Gutes machen.

„Unterleuten“ ist sorgfältig konzipiert. Jeder der Charaktere könnte einem tatsächlich so begegnet sein. Allerdings wirkt manches auch einfach überstrapaziert und überzeichnet. Warum zum Beispiel muss der schluffige Nerd-Freund der Pferdenärrin, der nur ihr zuliebe mit nach Unterleuten gezogen ist und eigentlich lieber in Berlin Computerspiele programmiert, mit Nachnamen Wachs heißen? Wachs, wachsweich, schon verstanden.

Es ist nicht ohne Risiko, wenn Schriftsteller aktuelle Themen in Romanform gießen wollen. Die Grenze zum Sachbuch, zum Journalismus, zum Essay ist nahe und so mancher „Roman“ lässt literarisch-ästhetische Qualitäten vermissen. Auch „Unterleuten“ bewegt sich an dieser Grenze. Aber Juli Zeh spielt ihre Stärken als Erzählerin aus. Und beweist: Sie kann auch den gut lesbaren Gesellschaftsroman über eine fragile Dorfgemeinschaft.

  • Juli Zeh: „Unterleuten“, Luchterhand Verlag 640 Seiten, 24,99 Euro.

von Birgit Zimmermann


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