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Kulturzentrum wurde vor 20 Jahren gegründet

Waggonhalle feiert Jubiläum

Die Waggonhalle ist vor 20 Jahren ein äußerst mutiges Projekt gewesen. Heute ist das Kulturzentrum aus der Marburger Kulturlandschaft gar nicht mehr wegzudenken. Ein Blick zurück.
Ein Teil des Waggonhallen-Teams: Matze Schmidt (von vorne), Frida Walter, Jemina Coletta, Marion Breu, Nisse Kreysing und Willi Schmidt freuen sich auf das Fest. Foto: Uwe Badouin

Ein Teil des Waggonhallen-Teams: Matze Schmidt (von vorne), Frida Walter, Jemina Coletta, Marion Breu, Nisse Kreysing und Willi Schmidt freuen sich auf das Fest.

© Uwe Badouin

Marburg. Als die Marburger Waggonhalle am 11. April 1996 eröffnet wurde, hatten Matze 
und Willi Schmidt ereignisreiche und anstrengende Jahre hinter sich.

Die beiden Gründer von Theater Gegenstand hatten nach der Schließung der Studiobühne Ende der 80er-Jahre 
eine neue Bleibe für die freie Theatergruppe gesucht und nach vielen gescheiterten Plänen schließlich die Waggonhalle 
entdeckt. Eine leerstehende Bruchbude, die der Deutschen Bahn gehörte.

Dass es den hoffnungsvollen Theatermachern gelang, den damaligen trägen Staatskonzern zu überreden, ihnen eine Immobilie zu verpachten, hat sich als unglaublicher Glücksfall für die Marburger Kulturszene entpuppt.

Gemeinsam mit vielen Helfern und einer mysteriösen Sponsorin im Hintergrund machten sie aus der Industrieruine eines der erfolgreichsten Marburger Kulturprojekte der vergangenen Jahrzehnte. Gut zwei Millionen D-Mark steckte die Sponsorin in das Projekt, erinnert sich Matze Schmidt (55).

Ohne „Staatsknete“ geht es nicht

Bei der Eröffnung der Waggonhalle fiel dann der legendäre Satz: „Wir brauchen keine Staatsknete.“ Willi Schmidt war der Satz im Überschwang der Gefühle herausgerutscht, obwohl damals schon klar war, dass die Mittel der Mäzenin 
endlich waren und ohne „Staatsknete“ ein Betrieb der Waggonhalle scheitern würde.

Immer wieder wechselte in der Anfangszeit das Team der Waggonhalle. Heike Scharpff, Franziska Lüdtke, Ambros Waibel oder Heike Dreyer haben Marburg längst verlassen. 1998 wurde der Verein Waggonhalle 
Kulturzentrum gegründet, 2005 zusätzlich die Waggonhalle Verwaltungs GmbH, die die wirtschaftlichen Risiken trägt. Geschäftsführer sind die Gründerväter Willi und Matze Schmidt, die sich seit Kindertagen kennen, Nisse Kreysing und Marion Breu. Sie leiten seither mit ungewöhnlicher Kontinuität die Geschicke der Waggonhalle.

Reich geworden ist keiner von ihnen, werden sie auch nicht, denn Kulturzentren wie die Waggonhalle leben vom Idealismus ihrer Macher. Idealismus, Träume und Hoffnungen sind die eine Seite der Medaille, Selbstausbeutung die andere. Gerade die ist im deutschen Kulturbetrieb nicht selten. Ohne den Idealismus, ohne den Wunsch, sein Ding zu machen, gäbe es die Waggonhalle aber nicht. Und das wäre wirklich ein Verlust für die Stadt.

Die Waggonhalle lebt von ihrer, selbst im reizvollen Marburg, besonderen Atmosphäre. Dem Industriecharme, der gelungenen Verbindung von Kneipe, Restaurant mit einer unglaublichen Vielfalt an Kulturangeboten: Die Waggonhalle bietet dem Theater GegenStand, zahlreichen studentischen Theatergruppen und Schulen ein professionelles Podium. Sie veranstaltet Tanz, Konzerte, Ausstellungen. Sie inszeniert eigene Stücke, darunter Dauerbrenner wie die „Ladies Night“, die nach Angaben von Regisseur Matze 
Schmidt seit Juli 2003 rund 
 200 Aufführungen erlebt hat.

Kultur fast rund um die Uhr

26 
Eigenproduktionen hat das Team in unterschiedlichen Besetzungen herausgebracht. Zuletzt sogar Musicals wie „Sweeney Todd“ und „KiT Kat Klub“ und im Sommer kommt „Jesus Christ Superstar“ – ein Wagnis. Darüber hinaus hat sich die Waggonhalle längst als Varieté-­Standort etabliert: Rund 50 Shows wurden bislang produziert.

Waggonhalle bedeutet Kultur fast rund um die Uhr: 320 bis 350 Veranstaltungen pro Jahr, Pausen gibt es kaum. Vielleicht im Januar ein bis zwei Wochen zum Großreinemachen, zum Durchatmen. 30.000 bis 40.000 Besucher werden jährlich gezählt. Und das bei einem vergleichsweise geringen Etat. 89.400 Euro gibt die Stadt aus ihrem Kulturhaushalt hinzu. Der Etat soll um 15.000 Euro erhöht werden – ob das Geld angesichts der Finanznot der Stadt kommt, ist unsicher. Matze Schmidt betont: „Wir brauchen das Geld dringend.“

Am Freitag wird gefeiert. Zu Recht. Organisiert wird die Party von den Jüngsten im Team: Jemina Colette (21) aus Gießen und Frida Walter (18) aus Amöneburg machen gerade ihr Freiwilliges soziales Jahr Kultur in der Waggonhalle und die Organisation des Events ist ihr vorgeschriebenes Jahresprojekt.

Sie präsentieren ab 18 Uhr im Rotkehlchen eine Ausstellung mit einem Blick auf die Theatergeschichte der Waggonhallen. Auf der Bühne gibt es Ausschnitte aus Eigenproduktionen und Musik mit „Wirtshaus“.

„Danach soll es ruhig und entspannt ausklingen mit Gesprächen. Wir hoffen, dass viele Ehemalige kommen“, sagen die beiden, die die Waggonhalle auch bald wieder verlassen werden.

von Uwe Badouin


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