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Documenta 2017

„Von Athen lernen“

Bestürzung in Nordhessen, Jubel in Athen: Die Überraschung war perfekt - und die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Die in drei Jahren fällige 14. Documenta eröffnet bereits im Frühjahr 2017, jedoch nicht in Kassel, sondern in Athen.
Alltag bei der documenta in Kassel: Besucher stehen in einer langen Schlange vor dem Fridericianum an. In Kassel hat man Sorge, dass 2017 Athen das ganze Interesse auf sich lenkt. Erstmals in der Geschichte der Weltausstellung gibt es einen zweiten festen, großen Standort.Foto: Uwe Zucchi

Alltag bei der documenta in Kassel: Besucher stehen in einer langen Schlange vor dem Fridericianum an. In Kassel hat man Sorge, dass 2017 Athen das ganze Interesse auf sich lenkt. Erstmals in der Geschichte der Weltausstellung gibt es einen zweiten festen, großen Standort.Foto: Uwe Zucchi

© Uwe Zucchi

Kassel. Erst zwei Monate später - wie gewohnt im Juni - soll dann „Opening“ in Kassel sein. Das kündigte der aus Polen stammende und mit einer Griechin verheiratete Documenta-Chef, Adam Szymczyk, Anfang der Woche in einem ungewöhnlichen Rahmen an: einem Universitätsseminar in Kassel mit dem Titel „Von Athen lernen“.

Die geradezu hysterisch auf den Eröffnungstermin fixierte Publikums- und Medienaufmerksamkeit könnte im Juni, wenn Kassel an der Reihe ist, bereits verflogen sein. Fraglich ist, ob das Kunstpublikum nach einem Athen-Trip noch Lust hat, nach Hessen zu reisen. Der Scheinwerfer liegt also auf Athen. Die dortige Flüsterpost wispert schon seit Wochen vom Documenta-Standort Athen. Es ist eine der besten Nachrichten seit langem. Die Auswirkungen des Wirtschaftskollapses und der nicht zuletzt von Deutschland eingeforderten rigiden Sparpolitik haben vor Universitäten und der Kreativszene nicht Halt gemacht: Stellen wurden gekürzt, Seminare und Kunstprojekte gestrichen. Und nun soll mit der documenta ein Großprojekt mit dem Potenzial, Hunderttausende Besucher anzulocken, am griechischen Kulturhafen andocken.

„Die mir bekannten Künstler freuen sich alle über die documenta. Sie wirkt schon jetzt positiv auf die Stadt. Ihre intellektuellen Einwohner zählen nicht mehr automatisch als Verlierer, wenn sie in Athen bleiben“, sagt Joulia Strauss, in Athen und ­Berlin beheimatete Künstlerin. In der seit der Wirtschaftskrise und dem Rechtsruck des Landes stark politisierte Athener Kunstszene gebe es aber auch ­Vorbehalte gegen die „großindustrielle Show“ aus Deutschland.

„Wir denken, das ist großartig“, sagt Manolis Daskalakis-Lemos, Mitglied der Athener Künstlergruppe Arbit City Group. „Das griechische Publikum wird zum ersten Mal ernsthaft finanzierte Kunstwerke mit einem nicht-kommerziellen Charakter zu sehen bekommen. Das ist eine Form von Reinheit, die die einheimische Kultur inspirieren kann.“

In Kassel, wo der Erfolg der documenta auch in Übernachtungen (in documenta-Jahren knapp eine Million) und Mehreinnahmen (rund 100 Millionen Euro laut Berechnungen der Universität Kassel) gemessen wird, sind die City-Kaufleute „entsetzt und erschüttert“ und sehen gar das Erbe des Documenta-Gründers Arnold Bode in Gefahr. Die Kasseler CDU-Fraktion wetterte: „Wir lassen uns unsere documenta nicht nach Athen wegnehmen“.

Die Doppelgleisigkeit sei mit den Geldgebern, dem Land Hessen und der Stadt Kassel abgesprochen worden, sagt die neue Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff. Gemeinsam mit dem Bund stellen diese für die kommende documenta 14 Millionen Euro zur Verfügung. Das gesamte Ausgabenbudget aber liegt bei 30 Millionen Euro. Der Athen-Teil kostet 3,5 Millionen Euro. Wohl um Gemüter nicht übermäßig zu erhitzen, kommen nur 300000 Euro aus öffentlichen Kassen. Gesucht werden Sponsoren.

von Johanna Di Blasi


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