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Kinostart: „Remember“

Vom Verdrängen und Erinnern

Ein Auschwitz-Überlebender macht sich in den USA auf einen privaten Rachefeldzug, um den für den Tod seiner Familie Verantwortlichen aufzuspüren. Auf seine Erinnerung kann sich der zunehmend demente Mann dabei nicht mehr verlassen.
Zev Guttman (Christopher Plummer, Mitte) ist am Ziel seiner Reise: Er hat den richtigen Rudy Kurlander (Jürgen Prochnow) in den USA aufgespürt. Foto: Tiberius Film

Zev Guttman (Christopher Plummer, Mitte) ist am Ziel seiner Reise: Er hat den richtigen Rudy Kurlander (Jürgen Prochnow) in den USA aufgespürt.

© Tiberius Film

Die Erinnerung ist eine trügerische Begleiterin. Sie schönt, idealisiert, selektiert. Und so manches Mal hat das Erinnerte nur noch wenig mit dem tatsächlich Geschehenen zu tun. Die einen wollen vergessen, die anderen können nicht vergessen. Die Erinnerung beherrscht einen. „Remember“ heißt Atom Egoyans Drama über das Erinnern, Vergessen und Verdrängen.

Der an den Rollstuhl gefesselte Max (Martin Landau) schickt seinen alten Freund und Altersheimmitbewohner Zev (Christopher Plummer) auf eine Reise durch die USA, um den Auschwitz-Aufseher zu suchen, der einst für den Tod der Familien beider Männer verantwortlich war. Er soll die Identität eines Juden angenommen haben. Gerade erst ist Zevs Frau Ruth gestorben und er beginnt zunehmend, zu vergessen. Doch Max hat alles bis ins kleinste Detail vorbereitet – die Route ausgearbeitet, Adressen recherchiert, Geld deponiert.

So macht sich der schon arg greisenhafte Max auf eine Reise quer durch die USA und trifft tatsächlich auf eine ganze Reihe von ehemaligen Nazis und bekennende Antisemiten, die alle Rudy Kurlander heißen. Da scheint er immer wieder so nah am Ziel, doch schon beim ersten Rudy (Bruno Ganz) stellt sich schnell heraus, dass dieser zwar für die Nazis im Einsatz war, das jedoch unter Rommel in Nordafrika.

Ein ganzes Zimmer voller Nazi-Symbole

Ein anderer im Krankenbett liegende Greis zeigt Max seine Auschwitz-Nummer und beide liegen sich weinend in den Armen. Regisseur Egoyan setzt auf starke Bilder, die nur eine Assoziation zulassen. Schon bei der Trauerfeier für Zevs Frau lässt er die Kamera lange auf dem Judenstern um dessen Hals verweilen. Zuvor ist Zev aus seinem heimeligen Zimmer auf den sterilen Flur des Altenheims getreten. Später wird der Blick auf den Duschkopf gerichtet – die Assoziation mit den Gaskammern mag da sehr plump sein.

Am größten aber wird das Unbehagen, als Zev den dritten Rudy aufsucht. Der ist zwar gestorben, doch dessen Sohn, ein geschiedener, versoffener State-Trooper, setzt dessen Nazi-Verherrlichung und Judenhass fort.

Ein ganzes Zimmer dient als Schauraum der entsprechenden Devotionalien, Hakenkreuz-Fahne und deutscher Schäferhund names Eva inklusive. Anfangs freundlich, doch plötzlich angeekelt von dem alten Mann hetzt er den Hund auf Zev, zitternd und völlig verstört macht dieser sich in die Hose und erschießt wenig später erst den Hund, dann den Mann, um dann seinen Rachefeldzug zum vierten Rudy (Jürgen Prochnow) fortzusetzen.

Der Brief mit den Anweisungen von Max leitet ihn, bei vielem anderen macht sein Gedächtnis oft nicht mehr mit. Zum Schluss steuert alles auf ein drastisches, für manche Zuschauer durchaus erwartbares Ende hin, das jedoch daher nichts von seinem Schrecken einbüßt.

Man mag zwiegespalten sein, ob die Taten im Dritten Reich als Projektionsfläche dienen dürfen für den Umgang mit der eigenen Geschichte, der Erinnerung und der schwindenden Erinnerungen eines zunehmend dementen Mannes. Und doch ist Egoyan ein beklemmendes, thrillerähnliches Drama gelungen, das einen mit einem schweren Kloß im Magen zurücklässt – und zwar aus mehreren Gründen.

  • Der Film läuft ab Silvester im Filmkunsttheater.

von Britta Schmeis


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