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OP-Buchtipp: Gerhard Falkner: „Apollokalypse“

Virtuoser Roman über Vorwende-Berlin

Gerhard Falkners Romandebüt im reifen Alter ist ein fantastisches Berlin-Porträt – vor allem der Vorwende-Zeit. Seinen sexbesessenen Ich-Erzähler schickt er auf eine wilde, sprachlich genussreiche Suche nach Identität.
Der Lyriker Gerhard Falkner hat seinen ersten Roman vorgelegt. Fotos: Arno Burgi, Berlin Verlag

Der Lyriker Gerhard Falkner hat seinen ersten Roman vorgelegt.

© Arno Burgi, Berlin Verlag

Der Einstieg macht neugierig und verspricht handfest einiges zum Nachdenken: „Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.“

Gut 400 wild sprudelnde Seiten später hat Gerhard Falkner in „Apollokalypse“ geliefert, was sein sorgsam durchkonstruierter erster Satz erwarten lässt. Jede Menge Sex und die bis zum Schluss rätselhafte Identitätssuche eines Mannes mit Doppelgänger-Syndrom.

Dass Berlin als Schauplatz erst auf Seite zwei genannt wird, grenzt an Etikettenschwindel. Der erfahrene Lyriker Falkner (65) hat mit seinem ersten Roman vor allem auch ein fantastisch bilderreiches, originelles und wortmächtiges Porträt der Hauptstadt zwischen den späten 70ern und den ersten Jahren nach der Wende geschrieben.

Reichlich virtuoses Spiel mit literatischen Vorbildern

Sein Ich-Erzähler Georg Autenrieth, Jahrgang 1951 wie der Autor, zieht als junger Mann aus Franken in den West-Berliner Stadtteil Kreuzberg. „Teufel noch eins, hier mischen sich aber die Sphären“, bestaunt er diese seltsame Insel für durchpolitisierte wie auch komplett apolitische Sinn- und Ich-Sucher zwischen DDR samt Stasi, 68ern auf dem Weg zum Terrorismus und West-Geheimdiensten. Mittendrin konnte man sich kinderleicht ausklinken, mit viel Sex und Unmengen Alkohol ­Unbekanntes grenzüberschreitend auskundschaften, darüber eventuell verrückt werden oder auch ganz draufgehen.

Autenrieth spielt mit seinem Freundes-Quartett aus zwei jüngeren Frauen und Männern alles durch und erzählt davon postmodern distanziert ohne Drang zum Moralisieren. Als Plot für Spannung sorgt die Frage, ob und wie die Hauptperson beim RAF-Terror, eventuell als Doppel- oder auch Dreifachagent mit Stasi- und BND-Beteiligung, mitgemischt hat. Am Ende nimmt der Teufel das Wort.

Falkner spielt virtuos, ab und an reichlich virtuos, mit seiner Geschichte und Motiven literarischer Vorbilder von Ovid über Hölderlin und Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ bis zu Thomas Pynchon. Der im Prinzip unpolitische und immer leicht zynische, dabei nie abstoßende Autenrieth, man kann es nicht anders sagen, vögelt sich besessen und literarisch lesenswert durch das Buch. Nur möchte man in Falkners Personengalerie keine Frau sein. Die haben auch ihre Freude an der Erotik und werden als interessante, widersprüchliche Personen aus Fleisch und Blut geschildert.

Aber doch nicht ohne Gender-Klischees, und vor allem nimmt es ein böses Ende für sie. Genuss ohne Reue beschert Falkners sprachlicher, szenischer und stilsicherer Erfindungsreichtum. Das hätte mehr verdient als den Platz auf der Longlist für den Deutschen Bücherpreis.

  • Gerhard Falkner: „Apollokalypse“, Berlin Verlag, 432 Seiten, 22 Euro.

von Thomas Borchert

 
 

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